Pommerscher Greif e.V.

Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte

Home ] Nach oben ] Verein ] Aktiv ] Service ] Schriften ] Internet ] Suche ] English ] Kontakt ]

 

Ein unterbrochenes Hochzeitsfest.(1769)

 A. KÜSTER in: "Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde", Jg. 6, 1892, S. 39-41. 


Ein unterbrochenes Hochzeitsfest.(1769.)

Das Kirchenbuch der St. Mariengemeinde zu Coeslin enthält folgende Eintragung vom 2. Dezember 1769: "Sonnabend früh gegen 2 Uhr trug sich hier ein merk- würdiger Unglücksfall zu und zwar in dem Eckhause der neuthorschen und großen Baustraße nach dem Markte zu. Tages vorher als am Freitage wurde in selbigem die Hochzeit des Feldwebels HARDER mit der Stieftochter des Brauers MORITZ Jgfr. KERLEN und die mehrsten Hochzeitsgäste sammt vielen Zuschauern verweilten bis Mitternacht. Um drei
Vierthel auf zwey Uhr aber geschahe ein Knall, der die gantze Stadt erschütterte und der vermuthlich von einer ziemlich großen quantité Pulver, so in dem gedachten Hause gestanden haben soll, und wobei etwa Licht oder Feuer gekommen, entstanden ist, denn es war ein Pulvergeruch in der gantzen Stadt.


Die gantze Seite des Hauses nach der Bau-Straße zu ist durch die Gewalt des Pulvers ausgehoben und auf die Straße geworffen, die in der zweiten etage versammelten Gäste sind theils mit auf die Straße, theils durch den zersprengten Boden ins Hauß gefallen und theils auf dem noch hangengebliebenen Stück des Bodens niedergeworffen worden. Vielen sind die Haare an Augen und auf dem Kopf versenget, vielen die Kleider ja selbst Stiebeln auf den Füßen entweder zerissen oder verbrandt. Fast kein Frauenzimmer hat ihr Kopfzeug und wenige Mannspersonen ihre peruquen behalten, sondern man fand solche auf der Straße. Die bei der Hochzeit gebrauchten Sachen, als Silber, Spiegel, porcellain, Stühle. p., sind unter dem Schutt vergraben und zum Theil unbrauchbar geworden, so daß der Schade vor den Eigenthümer sehr groß ist. Ueberdem haben auch andere gelitten. In dem gegenüberstehenden, ebenfalls an der neuthoreschen und großen Bau-Straße, aber nach dem Thor zu belegenen HINTZENschen Eckhause ist von der Erschütterung der Schornstein umgestürtzet, und vielen Nachbarn sind die Fenster zum Theil gantz, zum Theil Scheibenweise ausgehoben. 

Das Schrecken der gantzen Stadt war groß; Gott aber sei Danck, daß er unserer Stadt nicht nach ihrem Verdienste gelohnet, sondern nach seiner unbegreifflichen Gnade den weitern Ausbruch dieses Unglücks- Falls dergestalt abgewendet, daß doch keine Flamme entstanden und außer dem total ruinirten Hause nicht mehrere verwüstet sind. Das Betrübteste bei dieser schrecklichen Begebenheit ist dieses, daß nicht nur 30 Personen von den Hochzeit-Gästen und Zuschauern zum Theil sehr gefährlich laedirt, sondern auch 6 Personen, wovon 2 Soldaten und 4 vom Civil-Stande, geich auf der Stelle todt gefunden worden, wie folget:

Friederica Sophia, des Kaufmanns H. FRANTZ jüngste Tochter, Alter 10 Jahr l Monat 2 Wochen 5 Tage ist bei diesem Unglücks-Fall auf der Stelle todt gefunden.

Ester Elisabeth WITTEN eine ledige Person aus groß Popplow gebürtig ist bei dem obgedachten Unglücks-Fall auf ser Stelle todt gefunden, Alter 50 Jahr.

Casper KÖHLER Lehrbursch bei dem hiesigen Tuchmacher Mstr. CONRAD, gebürtig aus Zanow, eines dasigen ehemaligen Sattlers hinterlassener Sohn, ist aus dem Schutt todt ausgegraben worden, Alter 15 Jahr 6 Wochen etliche Tage.

Anna Maria DEHLINGS eines ehemaligen Hutmachers in Schieffelbein hinterlassene Tochter ist aus dem Schutt todt ausgegraben worden, bei Hl. MORITZ Bierschenkerin, Alter 24 Jahr."

Soweit der wortgetreue Bericht des Kirchenbuches, bei dem es auffällt, daß die Namen der beiden getödteten Soldaten nicht genannt sind. Wahrscheinlich ist deren Ableben in ein besonders geführtes Militär-Kirchenbuch eingetragen.

Unter den Nachkommen der Anna Sophie gebornen KERL aus ihrer im Jahre 1778 nach dem Tode ihres ersten Ehemannes geschlossenen zweiten Ehe mit dem Registrator Johann Christoph BANDOW zu Coeslin hat sich die Ueberlieferung erhalten, daß bei dem vorerwähnten Unglücksfall das junge Ehepaar mit dem Sopha, auf dem es grade gesessen, durch den Luftdruck in die Höhe gehoben worden und durch die nach Aushebung der Hauswand entstandene Oeffnung hindurch neben dem am Hause befindlichen, noch jetzt vorhandenen Brunnen in der Gr. Baustraße unbeschädigt zur Erbe gekommen sei. Das durch einen Kaufmann in dem Hauskeller in einem unverschlossenen Faß aufbewahrte Pulver sei unvorsichtig entzündet, als für die Hochzeitsgäste noch Speise oder Trank aus dem Keller hätte herbeigeschafft werden sollen. Es scheint, als wenn die Bierschänkerin Anna Maria DEHLING
hiermit beauftragt gewesen und ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben gebüßt hat. 

A. KÜSTER. (Übertragen von Andreas Meininger)

 

 

 
zuletzt geändert amFreitag, 09. Juli 2004 erstellt durch webmaster@pommerscher-greif.de 
Haftungsausschluss