Nach dem 1846 in Stettin ohne Verfasserangabe erschienenen 2. Band einer Pomerania, für die „Pommersche Heimatkirche” bearbeitet von Friedrich Zuther.

erschienen in der “Pommerschen Heimatkirche” 1950/1951

In den letzten Lebensjahren Herzog Bogislavs X. (gest. 1523) verbreitete die lutherische Kirchenreformation ihre Wirkungen auch nach Pommern. Der tiefe Verfall kirchlicher Lehre und Zucht, der in Deutschland die Reformation hervorrief, herrschte auch in Pommern, obwohl auf dem bischöflichen Stuhle zu Kammin, besonders seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, tüchtige und gelehrte Männer saßen, die sich aber vergebens bemühten, eine neue durchgreifende Ordnung zu begründen. Der Lebenswandel der meisten Geistlichen stand im größten Gegensatze zu ihren Lehren und gab dem Volke Veranlassung zum Aergernis. Der Glaube – an die Heiligkeit der Diener der Kirche und an die Wahrheit der · gepredigten Lehren sank noch tiefer, als aufgeklärte Männer in dem Ablaßhandel, den Papst Leo X. in Deutschland durch den berüchtigten Tetzel betreiben ließ, nur eine drückende Gelderpressung erkannten, die ganz dazu geeignet war, das Ansehen der römischen Kirche noch mehr herabzuwürdigen. Auch nach Pommern waren 1518 zwei Ablaßkrämer gekommen, die aber hier keinen großen Erfolg zu verzeichnen hatten, weil ihnen das gesammelte Geld, das sie ihrer Gewohnheit nach in einer Kirchenlade aufbewahrt hatten, in Freienwalde nachts von den beiden Kirchenvorstehern gestohlen wurde.

Croy Teppich
Hochzeits- und Reformationsgedenkteppich Philipps I. von Pommern (Croy-Teppich) Peter Heymans, Public domain, via Wikimedia Commons

So waren durch die allmählich immer fühlbarer werdende Notwendigkeit einer Kirchenverbesserung die Gemüter auf die Reformation vorbereitet. Der lebhafte Handelsverkehr der pommerschen Seestädte mit dem Innern Deutschlands und die rasche Mitteilung neuer Schriften durch die Buchdruckerkunst begünstigten die Verbreitung der neuen Lehre, und bald, nachdem Luther in Wittenberg die ersten Schritte zur Bekämpfung der päpstlichen Macht getan, erhoben sich in Pommern schon 1519 an zwei verschiedenen Orten Gleichgesinnte. Der Franziskanermönch Johann Knipstrow zu Pyritz, der die Universität zu Frankfurt (Oder) besucht hatte und dort bei der Disputation Konrad Wimpinas gegen die Sätze Luthers zugegen war erkannte zuerst die neuverkündete Wahrheit.

Johannes Knipstrow

Nach seiner Rückkehr in das Kloster las er mit noch größerem Eifer in den Schriften Luthers, teilte den anderen Mönchen die Wahrheit des Evangeliums mit und predigte auf Verlangen der Gemeinde in der Stadtkirche zu Pyritz zuerst die neue Lehre, die unter den Bürgern bald Anhänger und Bekenner fand. In derselben Zeit fand die Reformation auch Eingang im Kloster Belbuk, wo der fromme und gelehrte Abt Johannes Boldewan die Mönche zum Studium der heiligen Schrift und zur Beschäftigung mit den Wissenschaften angehalten hatte. Um seine Mönche zu unterrichten, hatte Boldewan eine Lehranstalt eingerichtet, an der auch der ihm befreundete Rektor und Vikar an der Marienkirche in Treptow, Johann (geb. 1483 zu Wollin), Theologie vortrug und die biblischen Schriften erklärte. Während Bugenhagen im Winter 1517/18 in Belbuk sein Geschichtswerk über Pommern vollendete, drang die erste Kunde von dem Auftreten Luthers bis in die friedlichen Zellen des Klosters. Endlich kam auch ein Buch Luthers, „Von der Babylonischen Gefangenschaft”, nach Treptow und wurde von dem Pfarrer Otto Schlutow seinem Freunde Bugenhagen übergeben, um dessen Urteil zu hören. Dieser blätterte flüchtig darin, las einige Stellen und äußerte dann: „Es sind zwar schon viele Ketzer aufgestanden, aber dieser ist doch der allerschlimmste!” Er nahm jedoch das Buch mit, und als er es mit Nachdenken und im Zusammenhang durchgelesen hatte, bekannte er freimütig: „Die ganze Welt liegt in Blindheit, dieser Mann sieht allein die Wahrheit!” So wurde Bugenhagen für die lutherische Lehre gewonnen, und es gelang ihm, den Abt Boldewan und die Mönche Christian Ketelhudt, Georg von Ueckermünde, Johann Bork, Bernhard Bedelow und mehrere andere, sowie auch den Oberpfarrer Otto Schlutow und den Pfarrer Johann Kureke in Treptow von der Wahrheit des Evangeliums zu überzeugen. Abt Johannes Boldewan wurde ein tätiger Förderer des Evangeliums und predigte die neu gewonnene Wahrheit; als Patron der Nikolaikirche in Stolp bestellte er dort Christian Ketelhudt zum Prediger, wo bald die neue Lehre Anhänger und Bekenner fand. Auch der weltkluge und gelehrte Peter Schwawe, Patrizier in Stolp, der als Freund Bugenhagens in Belbuk gelegentlich dessen Lehramt versah, kehrte als mutiger Helfer in seine Vaterstadt zurück, nachdem er Zeuge von der Wegführung Luthers auf die Wartburg geworden war. In Treptow bekannten sich die Geistlichen Otto Schlutow und Johann Kureke öffentlich zu Luthers Lehre und erwarben ihr viele Anhänger. Von Treptow aus zogen nun die Erleuchteten in andere Städte, und überall fand die neue Lehre eifrige Bekenner.

Christian Ketelhodt

Die schnelle Verbreitung des göttlichen Wortes erregte bald die Besorgnisse der Geistlichkeit und nötigte sie, der beginnenden Umwälzung kräftig entgegenzutreten, zumal bei den kirchlichen Neuerungen in Treptow von dem rohen Haufen Unfug verübt wurde. Als hier eine feierliche Prozession umherzog, hatte das aufgeregte Volk diese nicht nur verspottet und beschimpft, sondern auch die HI.Geist- Kirche zur Nachtzeit erbrochen und ihrer Bilder beraubt. Da erkannte die altgläubige Geistlichkeit, daß es die höchste Zeit sei, die gefährlichen Neuerungen möglichst noch im Entstehen zu unterdrücken. Besonders nahm sich Erasmus von Manteuffel, von Bogislav X. zum Koadjutor des Stifts Kammin erwählt, der alten Lehre mit Nachdruck an, nötigte Bugenhagen, im April 1521 aus Treptow zu fliehen, und ließ den Pfarrer Johann Kureke ins Gefängnis setzen, der aber durch die Vermittlung des Abtes Boldewan und des Rates zu Treptow bald wieder entlassen wurde. Bugenhagen ging nach Wittenberg, setzte dort seine Studien fort, begann während der Abwesenheit Luthers Vorlesungen zu halten und wurde dann als Pfarrer zu Wittenberg unter dem Namen „Doktor Pommer” der tüchtigste Mann in der Verbreitung und Befestigung der neuen Kirche im Norden Deutschlands und in Dänemark. Luther bezeugte öffentlich von ihm, daß er keinen wisse, der die heilige Schrift so gründlich auslege, wie dieser Pommer.

Herzog Bogislav sah gleichfalls mit wachsendem Unmut die neue Lehre in seinem Lande täglich mehr Eingang gewinnen. Sein Sohn Georg, der am Hofe zu Dresden eine feindselige Gesinnung gegen die Reformation angenommen hatte, und Bischof Erasmus von Kammin trieben ihn zur Verfolgung der Verkünder der neuen Lehre an. Die Mönche wurden aus dem Kloster Belbuk verjagt, der Abt Boldewan, der Pfarrherr Schlutow zu Treptow und einige andere auf Befehl des Herzogs ins Gefängnis gesetzt. Als die Gefangenen später durch Vermittlung des herzoglichen Rats Stoyentin freigelassen wurden, ging Johann Boldewan nach Wittenberg zu Luther und Bugenhagen und wurde später Prediger in Belzig. Auch Christian Ketelhudt mußte sein geistliches Amt verlassen und flüchtete nach Wolgast, wo er sich eine Zeitlang bei Hans von Schwerin aufhielt. Schon wollte er zur Erlernung eines Handwerks übergehen, als ihn die Bitten vieler Bürger Stralsunds dorthin riefen, wo er 1523 auf dem Georgenkirchhofe unter einer Linde die erste Predigt im Sinne Luthers hielt und später erster Pfarrer der Stadt wurde. Der Prior des Klosters Belbuk, Dionysius von Beggerow, machte sich als mutiger Verächter alles Vorurteils bemerkbar, indem er sich 1524, wahrscheinlich als erster Geistlicher in Pommern, mit Dorothea von Manteuffel verehelichte. Otto Schlutow, der Oberpfarrherr zu Treptow, blieb in seinem Amte und trug später kein Bedenken, sich ebenfalls zu verheiraten. Nach der Vertreibung der Mönche hob Bogislav 1523, dem ausdrücklichen Verbot des Papstes Leo entgegen, das Kloster Belbuk auf und zog dessen Güter und Einkünfte für sich ein.

 

Die Verfolgung der Evangelischen war aber der Reformation mehr günstig als nachteilig; .denn die vertriebenen Mönche zerstreuten sich im Lande, und ihre Predigten fanden in den Städten überall Teilnahme bei den Bürgern, die sie freudig gegen ihre Obrigkeit in Schutz nahmen, ihnen die Kanzeln einräumten und die katholischen Geistlichen entweder vertrieben oder so in Furcht setzten, daß sie sich heimlich entfernten. In Stettin hatten die Grundsätze der neuen Lehre ber eits solchen Anklang gefunden, daß der Rat in einer Streitsache mit den Domherren wegen der Steuerfreiheit der Kirchenhäuser sich von Martin Luther ein Gutachten erbat, das dieser auch zu Gunsten der städtischen Obrigkeit erteilte.

Während Herzog Bogislav mit dem Bischof Erasmus von Kammin auf dem Reichstag zu Nürnberg weilte, wandten sich die Stettiner an Martin Luther mit der Bitte, ihrer Gemeinde einen evangelischen Prediger zu schicken. Sofort sandte der Reformator den Magister Paulus a Rhoda (Paul von Rode) nach Stettin, der von den Anhängern der neuen Lehre mit Freuden empfangen wurde, zunächst aber seine Predigten unter freiem Himmel halten mußte, bis die Bürger den Prior der Jakobikirche nötigten, ihm eine Kanzel einzuräumen. Nach seiner Heimkehr duldete Bogislav, daß die Stettiner den lutherischen Predigten zuströmten und ließ sich durch die Vorstellungen einiger lutherisch gesinnter Räte bewegen, selbst einer Predigt des Paulus von Rode beizuwohnen. Er wurde dadurch günstig für die neue Lehre gestimmt und ließ die Stettiner gewähren, als noch ein zweiter lutherischer Prediger, Nikolaus von Hof, in der Stadt erschien und eine Kanzel in der Nikolaikirche erhielt. Zur selben Zeit kam auch Johann Knipstrow, der vor den Nachstellungen des Abtes von Kolbatz aus Pyritz hatte weichen müssen, nach Stettin und unterstützte hier die evangelischen Glaubenslehrer, bis er im folgenden Jahre (1524) einem Rufe nach Stargard folgte.

Das Beispiel Stettins wirkte mächtig auf die übrigen Städte. In Stralsund hatte unterdessen der aus Stolp verjagte Ketelhudt, unterstützt vom Bruder Georg, einem Mönche aus Ueckermünde, und dem vormaligen Pfarrherrn zu Treptow, Johann Kureke, die neue Lehre mit großem Erfolg zu predigen begonnen. Vergebens versuchte die Geistlichkeit durch Toben von den Kanzeln und Verketzerung der lutherischen Prediger das · Fortschreiten der neuen Lehre zu hemmen. Zu tilgen war die Verbreitung der Reformation nicht mehr; denn sie hatte Eingang gefunden in das Haus des Bürgers und in die Hütte des Landmanns. Freilich fehlte es in manchen Städten nicht an heftigen Kämpfen zwischen Rat und Bürgerschaft, und in Stralsund kam es nach dem Beispiele Karlstadts und seiner Anhänger zu Wittenberg sogar zum Bilderstürmen. Fremde Gesellen und rohes Gesindel rotteten sich in der stillen Woche vor Ostern 1523 zusammen, zertrümmerten Altäre und Bilder und verübten, ungeachtet der Abmahnungen des Magistrats und der Bürger, in den aufgebrochenen Klöstern die größten Gewalttaten. Die erschrockene Geistlichkeit flüchtete mit dem, was sie aus dem Getümmel gerettet, nach Greifswald und beklagte sich beim Landesherrn, bei Kaiser und Papst.

Barnim IX. von Pommern mit seiner Gemahlin Anna von Braunschweig-Lüneburg.

Das gesamte Pommerland befand sich in einem bedenklichen .Zustande, als nach dem Tode Bogislav X. (1523) seine beiden Söhne Georg I. und Barnim IX. gemeinschaftlich die Regierung übernahmen. Ueberall herrschten Unordnung und Verwirrung, das fürstliche Ansehen war gesunken, kirchliche und bürgerliche Spaltungen zerrütteten das Land. Unruhige Prediger der neuen Lehre, unter diesen „Sehwärmgeistern” namentlich Dr. Amandus, erst in Stolp und später in Stettin, griffen die Obrigkeit von der Kanzel an und reizten das Volk zur Empörung gegen die Landesherren. Nur der Mäßigung und Geschicklichkeit des Prediger Paulus von Rode in Stettin und anderer Verkünder der neuen Lehre gelang es, den größeren und verständigeren Teil des Volkes im Gehorsam gegen die Fürsten zu erhalten. Im Innern der Städte, besonders in Stralsund und Stettin, veranlaßte dagegen die Reformation wiederholt gefährliche Unruhen, welche das altherkömmliche Stadtregiment änderten. Einzelne Aufstände der Zünfte, die Teilnahme am Stadtregiment verlangten, waren bisher unterdrückt worden, ohne eine Aenderung der Verfassung herbeizuführen. Die Umwälzung der kirchlichen Verhältnisse hatte aber die Zünfte von neuem angereizt, und mit dem Verlangen nach lutherischer Predigt erwachte auch zugleich das Streben nach weltlicher Freiheit. Die städtischen Obrigkeiten widersetzten sich daher der Reformation und hielten an vielen Orten mit der altgläubigen Geistlichkeit zusammen, weil sie von der Einführung der neuen Lehre Gefahr für die alte Ordnung befürchteten. Sobald aber die Zünfte die Beteiligung am Stadtregiment erlangten, setzten sie auch die Reformation durch. So breitete sich das Luthertum im Lande aus und gewann täglich neue Anhänger. · Obgleich Herzog Georg den Fortgang der Reformation zu hemmen strebte und mehrmals Strenge gebrauchte, so war doch das Ansehen der alten Kirche so tief gesunken, daß Bischof Erasmus selbst in Stargard öffentlich verhöhnt wurde, ohne daß Herzog Georg den Schimpf rächen durfte. Viele drangen bereits heftig darauf, daß man die Predigt des Evangeliums frei gestatten sollte; manche aus Liebe zum göttlichen Wort, doch der größte Teil aus Haß gegen die alte Geistlichkeit. Als die Herzöge dem Verlangen nicht nachgaben, weil das Gebot des Kaisers dem entgegenstand, vermehrte dies noch den Mutwillen der rohen Haufen, die in einigen Städten nach dem Beispiel der Stralsunder durch Plünderung der Kirchen und Klöster dem lange verhehlten Haß gegen die Geistlichkeit Luft machten. Die Aufregung des Volkes wurde noch mehr gesteigert durch herumziehende Sehwärmgeister, die öffentlich predigten, man solle die Pfaffen, Fürsten und alle, die es mit ihnen hielten, vertilgen und verjagen. Die mäßig gesinnten Prediger traten aber diesem Treiben kräftig entgegen. Zwar ließen die Herzöge den Dr. Amandus, den vorzüglichsten Unruhestifter, verhaften und nach Garz in den Turm bringen, aber die „Schwärmgeister” hatten einen solchen Mutwillen im Volk erregt, daß es schien, als könne ihm gar nicht mehr gesteuert werden. Als dennoch die Herzöge, am kaiserlichen Befehle haltend, sich beharrlich weigerten, das Evangelium mit ihrer Genehmigung öffentlich predigen zu lassen, verloren sie ihr Ansehen immer mehr bei dem Volk, das in Bezug auf die Religion keinen Zwang mehr duldete.

 

Im Mai 1526 gedachte Georg die Bürger zu Stolp, wo man die Altäre und Bilder aus den Kirchen genommen hatte, zu bestrafen und gebot der versammelten Bürgerschaft, den früheren Gottesdienst wiederherzustellen. -Als aber die Bürger einmütig erklärten, sie würden lieber alles andere erleiden, als die Messe wieder zulassen, wurde der Herzog durch seine Räte Valentin Stoyentin, Jobst von Dewitz und Jobst von Wobeser, die heimlich dem Luthertum anhingen, zur Nachsicht gestimmt und überließ die Sache dem Gewissen der Bürger. Für den verübten Unfug mußte jedoch die Stadt Stolp eine große Summe als Strafe erlegen und die Wiederherstellung der zerstörten Altäre versprechen.

Auf dem Landtage zu Stettin, Kantate 1527, machten die Herzöge den Landständen den kaiserlichen Abschied bezüglich der Religion bekannt. Adel und Städte wollten aber den Abschied nicht annehmen, sondern erklärten, sie wären dem Kaiser und ihrem Landesherrn mit Gut und Leben verpflichtet, aber was ihre Seele beträfe, wollten sie nur Gott gehorchen.

Im Sommer 1530 hatte in Augsburg der denkwürdige Reichstag stattgefunden, auf dem die Evangelischen dem Kaiser Karl V. ihr Glaubensbekenntnis, die Augsburger Konfession, übergaben. Auf dem Landtage zu Stettin (vor Ostern 1531) machten die Herzöge die Landstände mit den Beschlüssen des Augsburger Reichstages bekannt; mit Unwillen vernahmen die Stände das strenge Verbot der Religionsänderung. Bald danach, im Mai 1531, starb Herzog Georg. Nachdem Barnim nun Herr im Lande geworden war, mußte er bald einsehen, daß mit dem Tode seines Bruders alles eine andere Gestalt angenommen hatte. Um die Volksgunst zu gewinnen, die sich für Philipp, den Sohn Georgs, kundgab, suchte Barnim sich die Gemüter seiner Untertanen durch Nachgiebigkeit gegenüber den religiösen Forderungen zu verpflichten. Auf Vorschlag seiner Räte erließ er ohne Genehmigung der Landstände ein Ausschreiben, daß man die Predigt des Evangeliums ungehindert zulassen sollte. So glaubte er das Lob zu erwerben, daß er zuerst die Religionsfreiheit gegeben, und Herzog Georg allein die Einführung der Reformation gehindert habe. Weil aber dieser Schritt der Genehmigung der Landstände entbehrte, diente er nur dazu, die Verwirrung noch zu steigern, indem einige städtische Obrigkeiten, die der Reformation nicht geneigt waren, den fürstlichen Befehl unterschlugen und dadurch in bösen Zwiespalt mit der Gemeinde gerieten, während andere lutherisch ·gesinnte Stadträte den Erlaß freudig verkündeten und dadurch unter den in zwei Parteien geteilten Gemeinden gefährlichen Streit erregten. Ueberall standen sich die Anhänger der beiden Bekenntnisse drohend gegenüber und ließen den Ausbruch blutiger Gewalttaten befürchten. Als die städtischen Obrigkeiten sich darüber beschwerten, daß man gegen das Verbot des Kaisers die neue Lehre einführen wolle, bemühten sich die fürstlichen Räte, den Hader durch die öffentliche Erklärung zu stillen, der Erlaß sei nur so zu verstehen, daß Herzog Barnim das Evangelium nach der Auslegung der vier Kirchenväter der römischen Kirche (Hieronimus, Augustinus, Ambrosius und Gregorius) zu predigen gestattet habe. Aber diese Erklärung erregte nur noch größeren Aufruhr; denn die Lutherischen beschwerten sich, „daß man leichtfertig und unbeständig mit Gottes Wort spiele” und beschuldigten ihre altgläubige Obrigkeit, den Herzog zu dieser Erklärung veranlaßt zu haben. An mehreren Orten vermengten die Bürger die Angelegenheit mit anderen Sachen, die ihren Unwillen ebenfalls erregt hatten, und trieben die Ratsherren in die Rathäuser, um sie dort einige Tage festzuhalten. Um ihr Leben fürchtend, mußten die Stadthäupter endlich den Willen der Gemeinden erfüllen; denn von den Fürsten konnten sie keine Hilfe erwarten, weil nicht nur in einer Stadt, sondern im ganzen Lande das Volk die Gewalt an sich gerissen hatte.

In den meisten Städten hatten die Bürger evangelische Prediger berufen und, wo die widerstrebende Obrigkeit die. Ausbreitung der lutherischen Lehre zu hindern suchte, die Abschaffung des römischen Gottesdienstes gewaltsam bewirkt. Die umgestimmten Mönche verließen zahlreich die Klöster und traten zu Luthers Lehre über, obgleich sich Bischof Erasmus von Kammin eifrig bemühte, den Verband der römischen Kirche zusammenzuhalten. Die Erwägung des verwirrten Zustandes ihrer Lande, des hartnäckigen Trotzes ihrer Bürger, sowie der grauenvollen Ereignisse in Münster und der schrecklichen Zerrüttung, welche die verhinderte Kirchenverbesserung in Dänemark verbreitet hatte, brachte Barnim und Philipp der bereits für die neue Lehre gewonnen war, zu der Erkenntnis, daß es  höchste Zeit sei, dem Drängen des Volkes nachzugeben.

Mit Sicherheit auf Beistand des  größ­ten Teils ihrer Untertanen rechnend , faßten beide Herzöge einmütig den Beschluß, Luthers Lehre im ganzen Pommerlande einzuführen  und  baten den berühmten Doktor Pommer (Bugenhagen),  der   bereits   in   Hamburg und Lübeck den Sieg der Reformation durch seine Kirchenordnung besiegelt hatte, zur Unterstützung ihres  Vorhabens in sein Vaterland zu kommen. Durch ein öffentliches Ausschreiben verkündeten die Herzöge dem Lande, daß sie  den Beschwerden der Unter­tanen wegen Behinderung des Evangeliums völlig abhelfen wollten,  und setzten auf den 13. Dezember 1534 einen  Landtag  zu  Treptow  (Rega)  an, um dort ·mit der Landschaft gemein­ same Beschlüsse zu fassen. Auf diesem Landtage, zu dem die Landstände , die Geistlichkeit der alten Kirche und die evangelischen Prediger berufen waren, und auch Bugenhagen aus Wittenberg gekommen war, stimmte die  Mehrzahl der Stände für die Vorschläge der Fürsten, daß im ganzen Lande das Evangelium lauter und  rein  gepredigt, die Messe und die  kirchlichen Mißstände  abgeschafft  werden,  und   die von Doktor Pommer entworfene Kir­chenordnung als Norm dienen sollte. obgleich der Bischof Erasmus von Kammin, die  Äbte  und  ein  großer Teil des Adels widersprachen  und  vor der Ungnade des Kaisers warnten. Die Verteilung des Kirchen- und  Kloster­ besitzes veranlaßte die meisten Strei­tigkeiten,  weil  der  Adel  sich  in  seinen Vorrechten verkürzt glaubte, weshalb auch ein Teil der Ritterschaft  sich so­ gar schon vor dem Schluß des Landtags entfernte. Die Herzöge faßten deshalb die nötigen Beschlüsse haupt­sächlich mit  den  Städten.

Kirchenordnung von J. Bugenhagen für Pommern 1535: Kercken Ordeninge des gantzen Pamerlandes, dorch de Hochgebaren Försten und Heren, Heren Barnym unde Philips, beyde gevedderen, up dem landdage tho Treptow, tho eeren dem hilligen Euangelio, beslaten. Dorch Doc. Joannem Bugenhagen. 1535.

Nach dem Schluß des Landtags begab sich Herzog Barnim mit Bugenhagen nach Rügenwalde, wo dieser die nachmals in Pommern eingeführte Kirchenordnung entwarf. In Gemeinschaft mit einigen fürstlichen Räten begann Bugenhagen dann  mit den Kirchen­ visitationen in Stolp, Schlawe, Rügenwalde und anderen Städten Hinterpommerns,  denen  später   Visitationen in Anklam, Pasewalk und anderen Städten  Vorpommerns   folgten.

Obwohl der größte Teil des Volkes sich für die Reformation erklärt  hatte, fand die Kirchenverbesserung in Pommern noch manchen Widerstand  weil  viele von den Prälaten und von der Ritterschaft sich der neuen Ordnung nicht unterwerfen wollten. Besonders  erhob der Abt des Klosters Neuen-Kamp im Namen der Prälaten eine Klage beim Reichskammergericht   und    erwirkte eine Verfügung an die Herzöge, bei Strafe  von  50   Mark   Goldes   (etwa 80 000 DM) den Treptower Landtagsbeschluß aufzuheben. Die Unterhandlungen zogen sich noch durch viele Jahre hin, während denen aber die Herzöge, ungehindert durch alle Einwendungen, das angefangene Werk mit Eifer fortsetzten und auch glücklich zu Ende führten. Mochten in der Folge auch noch manche Streitigkeiten beim Ordnen und Leiten der kirchlichen Verhältnisse entstehen, das Reformationswerk wurde  dadurch  nicht  berührt,  sondern  nur   fester   begründet und immer durchgreifender zur Ausführung  gebracht.

 

Ein Gedanke zu “Zur Einführung der Reformation in Pommern”

  • Sehr gut, dass passend zum Reformationstag dieser Beitrag zur frühen Geschichte der Reformation in Pommern erscheint.
    Heute ist das Wissen darüber in der Breite verloren gegangen. Derzeit werden die letzten kirchlichen Traditonen dem Zeitgeist geopfert und der 31. Oktober ist weitestgehend nur noch durch “Halloween” dominiert. Leider trägt auch die Kirche durch Aufgeben mit dazu bei, indem in vielen Gemeinden statt neuer Formate diesem Trend nichts entgegen gesetzt wird und statt eigener Reformationsgottesdienste bestenfalls gemeindeübergreifende Erinnerungsfeiern am Sonntag vor dem 31.10. stattfinden.

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