Im April 2024 hatte ich bereits einen Blogbeitrag „Keine Angst vor einem Besuch in polnischen Archiven – Ein kleiner Reisebericht und Hilfestellung“ geschrieben, mit dem ich Anfängern der Familienforschung ein wenig die Angst und Vorurteile nehmen wollte. Aber erst recht braucht man keine Angst zu haben, einmal ein deutsches Archiv zu besuchen. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und der zunehmenden Verfügbarkeit genealogischer Daten könnte man meinen, dass die physischen Archive an Bedeutung verlieren. Doch gerade der persönliche Besuch in einem Archiv bietet einmalige Chancen, die digitale Recherche zu ergänzen und wertvolle Sekundärquellen zu entdecken. In diesem Beitrag möchte ich einige grundlegende Informationen und Ermutigungen mit auf den Weg geben, um Vorurteile und Hemmungen abzubauen.

Ich befasse mich seit über 20 Jahren mit der Orts- und Familienforschung in Hinterpommern, hauptsächlich mit dem ehemaligen Landkreis Kolberg-Körlin (Groß Jestin, Klein Pobloth und Garrin), mit der Stadt Kolberg sowie der Stadt und dem Landkreis Lauenburg i. Pom.. Im Zuge dieser Forschungsarbeiten habe ich bereits in verschiedenen polnischen Staatsarchiven sowie in mehreren deutschen Stadt- und Landesarchiven gearbeitet. Ein Besuch im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin ist aus meiner Sicht eine ausgesprochen lohnenswerte Ergänzung.

Das Geheime Staatsarchiv, das 1924 eröffnet wurde und aus einer Dreiflügelanlage sowie einem separaten Magazintrakt besteht, beeindruckt mich nicht nur durch seine monumentale Architektur, sondern auch durch seinen umfangreichen Bestand. Mit etwa 38.000 laufenden Metern Archivalien zählt es zu den größten Sammlungen deutscher Staatsarchive und beherbergt bedeutende Dokumente aus der Geschichte Brandenburg-Preußens, darunter auch Akten und Schriftverkehr zur Stadt und zum ehemaligen Landkreis Kolberg-Körlin.

Am 15.01.2026 fuhr ich gemeinsam mit meiner Ehefrau für einen Tag nach Berlin. Die Anreise von Braunschweig nach Berlin-Dahlem gestaltete sich angenehm. Nachdem wir von der A115 im Berliner Westen abgefahren waren und durch Zehlendorf und Steglitz gefahren waren, erreichten wir schließlich das große Archivgebäude in der Archivstraße.

Ich hatte mich bereits im Vorfeld dieses Termins in der Archivdatenbank ACTA pro sowie im Online-Katalog OPAC der Bibliothek des Geheimen Staatsarchivs über Akten zu Kolberg und meinen pommerschen Vorfahren informiert. Es empfiehlt sich, sich auf der Website des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz zu registrieren, um Archivalien bequem von zuhause aus vorzubestellen und gleichzeitig einen Termin im Forschungssaal zu vereinbaren. Trotz der großzügigen und modernen Ausstattung des Forschungssaals ist eine Anmeldung erforderlich, und die Bestellung ist auf 15 Akten begrenzt. Eine schnelle Bestätigungsmail informiert zudem über die Verfügbarkeit der Akten und darüber, ob diese aus konservatorischen Gründen vorgelegt werden können.

Das Archiv betritt man durch ein großes Eingangsportal; als erstes meldete ich mich dort beim Pförtner. Dort erhält man bei Bedarf einen Schlüssel für einen Schrank, um Jacken oder Taschen einzuschließen. Laptop oder Tablet durfte ich mit in den Forschungssaal nehmen. Der große Saal im 1. Stock ist wirklich beeindruckend. Dort angekommen meldete ich mich bei den äußerst freundlichen und hilfsbereiten Aufsichten, die bei der Suche nach bestimmten Akten unterstützen und beraten.

Zusätzlich konnte ich die umfangreiche Handbibliothek und die Findbücher nutzen. Wie in jedem anderen Archiv füllte ich einen Nutzungsantrag aus, dessen Angaben mit meinem Personalausweis abgeglichen werden. Gleichzeitig erhalte ich einen Archivausweis, mit dem ich mich bei künftigen Besuchen nur noch einscannen muss. Anschließend gehe ich in einen Nebenraum, den sogenannten Aktenraum, wo mir die vorbestellten Archivalien ausgehändigt werden. Im Forschungssaal ist das Fotografieren mit Handy oder Kamera (ohne Blitz) erlaubt, ebenso die Nutzung von Dokumentenscannern ohne UV-Licht.


Zu jedem Archivbesuch nehme ich idealerweise dünne Baumwollhandschuhe mit; diese schützen nicht nur das Archivgut, sondern auch die Haut. Keilkissen, Bleibänder und Buchstützen sind in der Regel ausreichend vorhanden. Für diesen Besuch hatte ich mir insgesamt zehn interessante Akten zu Kolberg und zur Familie von Lübtow (Gratialgutsbesitzer aus dem Kreis Lauenburg, mütterliche Vorfahren) zur Einsicht bestellt, darunter unter anderem:

„Verbot des Vergrabens von Leichen auf Kirchhöfen“, November 1721 bis März 1722. I. HA Rep. 76, VIII A, Nr. 4032
Die Akte zum Verbot des Vergrabens von Leichen behandelt mehrere wesentliche Punkte, etwa das ausdrückliche Verbot von Bestattungen auf Kirchhöfen innerhalb der Stadt und in Kirchengewölben aus Gründen des Gesundheitsschutzes. Es wird außerdem die Verlegung der Begräbnisstätten außerhalb der Stadt und eine angemessene Gestaltung der Kirchhöfe gefordert, um hygienische Standards zu erhöhen. Ein wichtiger Aspekt sind die gesundheitlichen Bedenken aufgrund der Ausdünstungen aus Grabgewölben.

„Bauten und Reparaturen in der Stadt Kolberg“, 1772 bis 1797. II. HA, Abt. 30, I, Nr. 198
In der Akte zu Bauten und Reparaturen finden sich unter anderem die Revisionen der Kämmereibauetats der Stadt Kolberg für verschiedene Jahre zwischen 1785/86 und 1797/98 sowie Hinweise auf den Wiederaufbau des St.-Georgii-Hospitals, Reparaturen an der Kirche zu Groß Jestin und den Hafenbau zu Kolberg.

Beschwerde der Witwe von Lübtow in Sterbenin

„Pensionsgesuch der Witwe von Lübtow, geborene von Lübtow“, 1784 bis 1793 II. HA, Abt. 13 a, Tit. 3 Lit. L, Nr. 10
Beinhaltet „tabellarische Nachrichten von ihren Familien und Vermögens-Umstände, befinden sich in den Meliorations- u. Pensions-Acten des Lauenburg- und Butowschen Kreiß, General-Directorium von Brenckenhoff und von Schütz’sche“.

 

„Polizeiverwaltung, Kreisverwaltung und Kreisbedientenbestallung Kreis Lauenburg und Bütow, Nr. 19 –Beschwerde der Witwe von Lübtow in Sterbenin“, 1791 bis 1798. II. HA, Abt. 12,
Die Akte beinhaltet Schriftverkehr, bzw. eine Beschwerde der Witwe Anna Adelgunde von Lübtow (geborene von Tiedemann) in Sterbenin hinsichtlich der von ihr geforderten Alimentationsgelder für ein auf ihrem Gut geborenes uneheliches Kind der Korta, weil die Mutter im Kind- Bette starb. Alimente wurden gefordert, „daß die Verpflegung des Kindes wir als Besitzeren des Guthes sowob für die verfloßen, als zukünftigen Jahre zur Lastfallen müßle“

 

Das Lesen der alten, verschnörkelten Handschriften in diesen Akten ist für Hobbygenealogen wie meine Frau und mich eine erhebliche Herausforderung. Trotz der Schwierigkeiten bietet das KI-Programm Transkribus mir eine wertvolle Unterstützung bei der Transkription solcher historischen Dokumente. Es ist zwar nicht perfekt, erleichtert jedoch den Zugang zu den benötigten Informationen erheblich. Insgesamt war dieser Tag im Archiv für uns ein weiterer erfolgreicher Schritt auf unserem Weg, die Geschichte und Zusammenhänge Pommerns und unserer Vorfahren genauer zu erforschen und besser zu verstehen.

Für Ende März plane ich zudem eine einwöchige Archivreise mit dem Auto in die polnischen Staatsarchive Gdynia und Stettin, mit einem Zwischenstopp in Lebork (dem früheren Lauenburg i. Pom., Besuch im Rathaus). Wer Interesse hat und sich anschließen möchte, kann sich gerne bei mir melden: MatthiasBeulke@t-online.de.

 

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