Klaus Granzow beschreib in „Sie wußten die Feste zu feiern“  Pommersche Fastnachtsbräuche.

Von Erbsbär, Schnabbuk und Aschenmutter

Pommersche Fastl-Abend-Bräuche

Wir kommen herein ohn‘ allen Spott, ein‘ schön‘ Fastelabend, den geb euch Gott, einen schön‘ guten Abend, eine fröhliche Zeit, die uns der Rummelpott hat bereit‘t!

Mit diesem alten „Rummelpott“-Lied wurde in Pommern die Fastelabend-Zeit eingeleitet. Im Rheinland und in Süddeutschland wird man bei dem Wort Fastelabend mehr an Karneval und Fasching denken. Doch der Fastelabend in Pommern hat eine ganz andere Bedeutung. Denn mit „Fasten“ haben diese Feiern nichts tun, im Gegenteil: in dieser Zeit wird tüchtig gegessen und getrunken.

Otto Priebe: Pommerscher Schimmelreiter (um 1938)

Der Ausdruck stammt vielmehr von dem Wortstamm „fasen“ oder „fasteln“, wie wir heute auch noch von „faseln“ sprechen, wenn jemand wirre Reden führt. Während das Wort heute eine negative Bedeutung angenommen hat, wurde in früherer Zeit derjenige junge Mann, der am besten faseln konnte, d. h. eine lustige Geschichte anschaulich zum Besten zu geben wusste, zum „Faselhans“ gekrönt. Er durfte sich zur Belohnung seine „Faselliese“ selbst auswählen, die dann meistens seine Frau wurde.

Manchmal traten die heiratslustigen Männer auch in Masken auf und machten ihre Faxen. Das Wort „Faxen“ ist eine alte germanische Bezeichnung für eine aus Pferdehaaren gefertigte Gesichtsmaske.

In der Chronik der Stadt Stralsund sind diese alten Maskenspiele seit dem 14. Jahrhundert aufgezeichnet worden. Bis zum 16. Jahrhundert sind sie dann noch vermerkt, gerieten aber dann wohl durch die Schrecknisse des Dreißigjährigen Krieges in Vergessenheit.

Erhalten aber blieb der Brauch des „Grünen-Fastelabendbringen“: Kinder gehen mit grünen Zweigen von Haus zu Haus und erbitten sich mit Sprüchen und Liedern ein paar kleine Gaben. Der bekannteste Spruch lautet:

Ich bring‘ zum Fastelabend einen grünen Busch, habt ihr nicht Eier, so gebt mir doch Wurst!

Sehr beliebt war in Pommern auch das Rummelpottgehen, bei dem die Dorfjungen mit selbstgebauten „Musikinstrumenten“ einen Höllenlärm erzeugten. Wenn sie dann dafür eine kleine Gabe erhielten, hörten sie aus Dankbarkeit mit dem Musizieren auf, denn die „Musik“ ging natürlich jedem durch Mark und Bein, weil sie von selbstgebastelten „Teufelsgeigen“ ertönte. Das bekannteste Rummelpottlied heißt:

Hippel di pippel,

die Wurst hat zwei Zippel,

dort oben in der Förste,

da hängen die langen Würste.

Die langen gebt mir,

die kurzen behalt‘ ihr!

Ein paar Eier, ein paar Dreier,

ein Endchen Wurst, ein Endchen Speck,

dann gehn wir gleich wieder weg.

Die Gaben, die man erhielt, wurden in manchen Gegenden Pommerns an lange Stöcke gebunden, die mit bunten Papierbändern, „Fitzelbändern“, geschmückt waren. So nannte man diesen Brauch auch oft das „Fitzelbandgehen“. In Hinterpommern sagte man dazu die Verse auf:

Gäwens mi en Stück Schinken

un ok wat tau Drinken.

Gäwens mi von‘n Hering,

ower nich tau wenig.

Gäwens mi en Stück Speck,

goh ick glicks wedder weg. —

Ich danke ok för de Gawen,

de wi empfangen haben.

Am Fastelabend zogen dann sämtliche Brauchtumsgestalten von Haus zu Haus und von Hof zu Hof, neckten die alten Leute aus ihren Kammern hinaus, trieben ihren Spaß mit den Bauern und Hausfrauen und zogen zuletzt zu der Dorfjugend in den Krug oder ins Schützenhaus. Vorneweg ging ein Junge mit „Trecksack“, Fiedel oder Brummbaß. Dann folgte der Schimmelreiter, der schon vor Weihnachten Gaben für die armen Kinder eingesammelt hatte, in den „Zwölf Nächten“ nach dem Rechten sah und am Fastelabend noch einmal auftauchte, um dann bis zum nächsten Winter zu verschwinden. Er war wohl noch ein Abglanz der Wotangestalt, die in der Sage überall in Pommern herumgeistert.

Hinter dem Schimmelreiter rumorte der „Erbsbär“, ein Junge, der kunstvoll in Erbsstroh eingeflochten war und wilde Tänze aufführte. Diese Brauchtumsgestalt ähnelte in vielem dem „Alten“, der in Pommern beim Erntefest dem Bauern von seinen Knechten und Mägden übergeben wurde und auch im nächsten Jahr reiche Ernte verheißen sollte.

Dem Erbsbär zur Seite lief der „Storch“, ebenfalls Fruchtbarkeit im kommenden Jahr beschwörend. Weitere Glücksbringer im Fastelabendzuge waren die „Aschenmutter“, eine Art Roggenmuhme, die alle Kinder, die sie zu fassen bekam, schwarz anmalte, und der Schornsteinfeger, der ja in der ganzen Welt als Glückssymbol gilt.

Besondere Brauchtumsgestalten gab es im Pyritzer Weizacker-Gebiet: den „Schnabbuk“ und das „Einhorn“, Tiermasken, die auch bei Hochzeiten eine gewisse Rolle spielten. Sie waren wohl noch Nachfahren der alten Maskenspiele, jenes „Faxenmachens“ aus alter Zeit.

Das unverhoffte Auftauchen dieser absonderlichen Gestalten brachte viel Fröhlichkeit in die Fastelabend-Gesellschaften. Die Aschenmutter lief hinter den jungen Männern und der Schornsteinfeger hinter den jungen Mädchen her, um sie mit Ruß anzuschwärzen, was als heil- und glückbringend galt.

Der Schimmelreiter ritt alle Festteilnehmer an, der Erbsbär umarmte alle, der Storch zwickte die Frauen ins Bein und der Schnabbuk stieß die Männer vor sich her. Dazwischen sangen dann alle zusammen das bekannte Fastel-Abend-Lied:

Fastelabend, Fastelabend, eine herrliche Zeit, die uns der Herr hat allen bereit’t!

Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, auf allen vier Ecken einen gebratenen Fisch, und in der Mitte ein Gläschen mit Wein, da kann der Hausherr wohl lustig sein.

Wir wünschen der Hausfrau eine goldene Wieg‘, übers Jahr, übers Jahr ein Prinz drin lieg!

Wir wünschen dem Kindermädchen einen Eimer voll Wasser, darin sie gut drin kann spülen und waschen.

Wir wünschen dem Stubenmädchen einen goldenen Besen, damit sie kann alle Ecken reinfegen,

Wir wünschen dem Kuhhirt eine lange Peitsch,

übers Jahr, übers Jahr, ein junghübsches Weib.

Wir wünschen dem Schweinehirten eine rote Mütz‘,

zum Abendbrot einen Kessel voll Grütz‘.

Nun gebet uns was und lasset uns gehn,

wir wollen heut abend noch weiter gehn.

Mit diesen sogenannten „Heischeliedern“ ging man nicht nur singend von Haus zu Haus, sondern fuhr auch in lustiger Gesellschaft mit buntgeschmückten Schlitten in die benachbarten Dörfer zum Verwandtenbesuch. Hier wurde dann tüchtig einer „zur Brust genommen“, d. h. ordentlich gegessen und getrunken.

Das beliebteste Fastlabendgericht war „Grünkohl mit Lungwurst“, doch gab es in manchen Gegenden auch einen ganzen Eberkopf oder Heitwecken, die auch Heetwecken genannt wurden. Dieses waren aus feinstem Mehl und sahniger Milch in Form eines Kreuzes gebackene Brote, die — in heißer Milch abgekocht — mit Butter beschmiert und mit hartgekochten Eiern belegt als Vorkost oder auch Nachspeise bei den Fastelabend-Schmäusen verzehrt wurden. Zugleich gab es auch besonders geformte „Schlangenkringel“, die mehr ein süßes Gebäck für Kinder waren.

In der eigentlichen Fastnacht wurde dann der beliebteste Brauch, das „Heetwecken abstäupen“ausgeführt, das man auch mit „Fastel-Ruten-Beschenken“ bezeichnete. Diese Sitte glich dem österlichen „Schmackostern“: die jungen Männer drangen mit frischen Birkenruten in die Zimmer der Dorfschönen ein und „stiepten“ sie tüchtig durch. Hierbei entschieden Kraft und Geschicklichkeit darüber, ob der Hans seine Trine wirklich fand und ordentlich „verschachten“ konnte.

Doch reizte die jungen Männer nicht nur das „Durchstiepen“ ihrer Herzallerliebsten, sie stellten sich auch gern zum Wettstreit um den „Fastelabend-König“, wenn es galt, mit einer lustigen Geschichte die Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen.

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