Ein „Demminscher“ und ein „Stolpscher“ im Kriege 1870/71.
Ein „Pommer aus dem Demminschen“, wie der Chronist so schön sagt, nahm als Kavallerist am deutsch-französischen Kriege von 1870/71 teil und war Ordonnanzreiter beim Prinzen Friedrich Karl.

Die Truppen lagen vor Bitsch [Lothringen]. Jeden Tag hatte der vorpommersche Ordonnanzreiter die schwierigsten Ordonnanzen zu reiten. Als er eines Tages oder vielmehr eines Abends gegen 8 Uhr ins Hauptquartier kam und gerade vom Pferde herunter war, wurde er schon wieder zum Generalstabschef gerufen. Dieser übergab dem Reiter ein Schreiben mit der Weisung, das beste Pferd, das zu haben sei, zu nehmen und die Depesche noch vor Mitternacht im Hauptquartier des Kronprinzen abzugeben. Dazu bedurfte es eines ganz außerordentlichen Rittes. Weiter lag aber keine Schwierigkeit vor, da wohl deutsche, aber keine französischen Vorposten zu passieren waren.
Der „Demminsche“ jagte also los, was der Gaul nur laufen konnte. Nach etwa ein und einhalb Stunden befand er sich beim ersten deutschen Vorposten. Aber, o Schreck! In dem Hauptquartier hatte man bei dem hiesigen Hin und Her total vergessen, dem Ordonnanzreiter die für diese deutsche Vorpostenlinie besonders herausgegebene Parole mitzugeben. Folglich hieß jetzt die Parole: So oder so, einer von uns beiden! Der Bote zu Pferde war nur noch eine Pferdelänge von dem ihn anrufenden deutschen Posten ab. Er erklärte ihm die Lage der Sache und verlangte auf Grund dieser Erklärung die alsbaldige Durchlassung. Aber der pflichttreue Posten verlangte unweigerlich die Parole und ließ den Hahn knacken, um zu zeigen, daß es ihm ernst sei. „Zurück, hier kommt niemand durch!“ rief er warnend noch einmal zum letzten Male. In demselben Augenblick fuhr auch schon zischend beim Meldereiter die Plempe aus der Scheide. Mit verzweifelten Mut brüllte der „Demminsche“ den Vorposten an: „Verdammi! Lat mi dörch oder ick ried di öwer!“ Es krachte kein Schuß, sondern gemütlich kam es zurück: „Verdori, Minsch! Büst’n Plattdütschen? Na, dann büst ok kenn Spijon! Büst ok een Stolpscher? Denn ried to!“
Dem Pferde die Sporen gebend, sauste der Ordonnanzreiter weiter und erledigte sich seines Auftrages zur Zufriedenheit der Vorgesetzten. Erst am anderen Tage kam ihm zum Bewußtsein: „Süst, dittmal weer „Plattdütsch“ de Parole, de di dat Leben rett’ hett!“
Aus dem Rummelsburger Kreiskalender 1931
