Schulfibeln begleiten Kinder in Deutschland seit über 500 Jahren beim Lesen- und Schreibenlernen. Lange Zeit waren diese Lesebücher konfessionell geprägt – evangelische und katholische Fibeln vermittelten neben dem Alphabet biblische Geschichten und religiöse Unterweisung. Im Zuge der reformpädagogischen Bewegungen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ab 1914 eine neue Generation von Fibeln, die bewusst von den konfessionsgebundenen Lesebüchern abrückten. Stattdessen passten diese Regionalfibeln Texte und Bilder an die Lebenswirklichkeit der Kinder in bestimmten Landschaften an. Vorreiter war die 1914 erstmals erschienene „Hansa-Fibel“ des Hamburger Lehrers Otto Zimmermann, die zum Vorbild für zahlreiche weitere Regionalausgaben wurde.
Auf dieser Grundlage erarbeitete der Jugendschriften-Ausschuss des Stolper Lehrervereins die erstmals 1922 erscheinende „Greifen-Fibel – Erstes Lesebuch für die Kinder Ost-Pommerns“. Die Fibel passte Texte und Bilder exakt an die regionale Kultur und Landschaft Ostpommerns an. Mit den Fibelkindern „Lene und Heini“ konnten die Kinder in Geschichten über die pommersche Landschaft, die Ostsee, die Dörfer, die lokale Natur und das damalige Arbeitsleben das Lesen üben.

Von der Greifen-Fibel zur Pommernfibel
Ab 1933 standen Verlage und Autoren im Zuge der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ unter großem Druck. Bestehende Fibeln mussten grundlegend überarbeitet und der NS-Ideologie angepasst werden, um weiterhin gedruckt werden zu dürfen. Aus der kindlichen Greifen-Fibel entstand so ein Instrument politischer Propaganda.
1935 erschien die „Pommernfibel“, in der die unpolitische Liebe zur pommerschen Natur und Ostsee durch „Blut-und-Boden-Ideologie“ und das Konzept der „völkischen Gemeinschaft“ ersetzt wurde. Die kleinen Jungen in den Zeichnungen tragen braune Hemden, die Mädchen weiße Blusen und dunkle Röcke, Hakenkreuzfahnen wehen im Hintergrund. Den Buchstaben H übt man wie folgt: „Heinrich und Helmut gehen zum Heimatabend (…) Von weitem sehen sie an dem Maste die Flagge mit dem Hakenkreuz. Sie treten ein und rufen ‚Heil Hitler!‘“
Die kleine Gertrud, die das eintönige Eintopfgericht verteidigt und vom Bruder ausgelacht wird, wird vom Vater in Schutz genommen: „Lacht mir meine Gertrud nicht aus. Die hat’s gut verstanden, was der Führer meint.“ Und der kleine Wolfgang bekommt zu Weihnachten neben den Zinnsoldaten noch einen besonderen Schatz: „Und was ist wohl in der anderen Schachtel? SA und SS, Jungvolk und HJ.“
Ausschnitte aus „Pommernfibel – Hirts Schreiblesefibel“, 2. Auflage, Breslau: F. Hirt, 1939.
Der Illustrator Julius Collen Turner
Die liebevollen, aber stark ideologisch geprägten Zeichnungen, die die Seiten der Fibel dekorierten, hatte der Maler und Grafiker Julius Collen Turner erstellt. 1939 wurden die Darstellungen rund um den NS-Alltag eines pommerschen Kindes durch Grafiken der Künstlerin Grete Schmedes ersetzt.
Zu diesem Zeitpunkt lebte der erste Illustrator bereits im belgischen Exil. Julius Collen Turner wurde am 20. August 1881 als Julius Cohn in Schivelbein geboren und war Jude. Der Verlag attestierte ihm die Begabung, Personen zu zeichnen, die „nach Gestalt, Haltung und Umwelt deutsche Abkunft und rassisches Gepräge aufweisen“ – eine zynische Ironie angesichts seiner jüdischen Herkunft und seiner sozialistischen Überzeugung.
Julius Collen Turner war 1936 nach Oostende emigriert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft in französischen Internierungslagern interniert, darunter in Saint-Cyprien und Gurs, wo er die völkermörderischen Lebensumstände in zahlreichen Zeichnungen dokumentierte. Er überlebte die Verfolgung und starb am 27. November 1948 in Oostende (Belgien).




