Anhand der Volkszählung von 1905 hat der User Ascended Dreamer eine faszinierende Karte erstellt, die die Verteilung der Muttersprachen in Pommern zeigt.

Muttersprachen der Provinz Pommern gemäß der Volkszählung von 1905 von Ascended Dreamer, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Diese Volkszählung war die präziseste statistische Erfassung jener Zeit. Es wurden nicht nur Einwohnerzahlen erhoben, sondern auch Religionszugehörigkeit und Muttersprache. Die Datengrundlage lässt sich im Gemeindelexikon 1905 nachprüfen.

Auf Reddit wird außerdem beschrieben, wie die Karte erstellt wurde. Besonders bemerkenswert: Die Visualisierung arbeitet auf Gemeindeebene – das bietet eine viel höhere Detailtiefe als ältere Karten, die oft ganze Landkreise pauschal einfärbten.

Was zeigt die Karte?

Der Großteil der Provinz ist dunkelrot – also über 85 % deutschsprachig. Das gilt für Vorpommern rund um Stralsund und Stettin ebenso wie für weite Teile Hinterpommerns. Im Osten hingegen, im Regierungsbezirk Köslin an der Grenze zu Westpreußen, tauchen rosa und violette Einsprengsel auf:

  • Kaschubisch (violett): In den Kreisen Lauenburg und Bütow gab es bedeutende Minderheiten, die Kaschubisch sprachen – eine Sprache, die oft als „polnisch-verwandt“ eingestuft wurde.
  • Polnisch (rosa): In einigen Grenzorten lebten polnischsprachige Minderheiten.

Warum gibt es polnische Sprachinseln auch in Vorpommern?

Das hat mich besonders interessiert. Anders als im östlichen Hinterpommern, wo die Kaschuben eine alteingesessene, autochthone Minderheit bildeten, war Vorpommern 1905 seit Jahrhunderten nahezu durchgängig deutschsprachig. Dass dennoch vereinzelt nicht-deutschsprachige Punkte auftauchen, hat meist wirtschaftliche Ursachen.

Vorpommern war geprägt von riesigen Rittergütern. Viele einheimische Landarbeiter wanderten damals in die Städte ab – die sogenannte Landflucht. Um den Arbeitskräftemangel zu decken, holten die Gutsbesitzer massenhaft Saisonarbeiter aus den preußischen Provinzen Posen und Westpreußen sowie aus Russisch-Polen und Galizien. Da die Volkszählung am 1. Dezember stattfand, waren viele dieser Arbeiter noch auf den Gütern gemeldet – und erscheinen in den Tabellen des Gemeindelexikons entsprechend als „Polnischsprachig“ oder „Zweisprachig“.

Betroffen waren vor allem die fruchtbaren Ackerbauregionen in den Kreisen Grimmen und Greifswald sowie auf Rügen. In Murchin etwa lebten 185 deutschsprachige und 60 polnischsprachige Menschen – das erklärt den auffälligen hellrosa Fleck auf der Karte.

Die Karte lässt sich in hoher Auflösung betrachten und herunterladen: Sprachenkarte Pommern 1905

Ebenfalls einen Blick wert: die physische Karte vom selben Autor – wussten Sie, wie viele Moorflächen es in Pommern gab? Physische Karte Pommern

 

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