„Um die Wasser zu trinken“ – eine Reise von Stettin nach Karlsbad und Teplitz im Jahr 1818

Aus Neuseeland erreichte uns dieser beeindruckende Bericht der Reise eines Stettiner Kaufmanns nach Karlsbad Anfang des 19. Jahrhunderts. Seine Nachfahrin Tracey hat Route und Aufenthalt in den böhmischen Kurorten rekonstruiert. Als Basis dienten ihr ungewöhnliche Reisenotizen. Sehr anschaulich entführt sie uns in den Sommer des Jahres 1818.

Von Tracey Stobie

VORWORT

Carl Ludwig Bergemann wurde am 4. Mai 1774 in Stettin als zweiter Sohn von Johann Friedrich Bergemann (1742–1791), einem Meisterbäcker für Gebäck und Kuchen, und seiner ersten Frau Sophia Elizabeth Lobedahn (1747–1781) geboren. Im Jahr 1802 schloss er sich seinem älteren Bruder Christian Friedrich (1772–) in Málaga, Spanien, an und gründete das Handelsunternehmen „Gebrüder Bergemann“, das auch in Frankreich und den Niederlanden tätig war, bis Carl Bergemann 1810 nach Stettin zurückkehrte. Von 1814 bis 1826 war er Stadtrat in Stettin sowie Stettiner Vertreter eines Nordsee-Heringsfischerei-Unternehmens, Auslandskonsul und Handelsbevollmächtigter für Schweden und Norwegen sowie bis zu seinem Tod im Jahr 1840 Bevollmächtigter der Gothaer Feuer-Versicherungsbank.

Carl Bergemann heiratete am 30. November 1806 Wilhelmina Henriette Stein (geb. Fossberg/Vossberg) und am 7. Mai 1825 Charlotte Wilhelmina Thiemann. Sein ältester Sohn Charles Louis Theodore Bergemann wurde 1807 (in Frankreich?) geboren. Ein zweiter Sohn kam nach 1825 zur Welt und war zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters im Jahr 1840 noch am Leben.

Im Juni 1818 begab sich Carl Bergemann mit einem Freund auf eine Reise zu den Kurorten Karlsbad und Treplitz. Zum Abschluss des Abenteuers wurde zur Erinnerung ein Tassen- und Untertassenset angefertigt, auf dem die Daten und Orte, die sie besucht hatten, sowie teilweise auch ihre dortigen Aktivitäten eingraviert sind. Im Folgenden stelle ich meine – mit etwas Hilfe durch KI – erstellte Interpretation ihrer Reise auf der Grundlage der Inschriften vor.

Vielen Dank an Julia Henke für die Übersetzung meiner englischen Fassung und an Margret Ott dafür, dass sie mich ermutigt hat, diese Geschichte zu teilen.

 

CARL LUDWIG BERGEMANN

1774 – 1840

Von Tracey Stobie

Erinnerung an eine Reise vom 22. Juni – 29. August 1818

 

22. Juni: Abfahrt aus Stettin, 27. Juni: Ankunft in Leipzig

Am 22. Juni 1818 brachen Carl Bergemann und ein Freund von Stettin zu einer zweimonatigen Reise in die Kurorte Karlsbad und Teplitz auf – eine beliebte Reise, die die obere Mittelschicht und der Adel zu dieser Jahreszeit unternahmen, um „die Wasser zu trinken“ und zur Stärkung ihrer Gesundheit zu baden.

Es war Frühsommer, und die Temperaturen lagen bei warmen und angenehmen 22 Grad. Wahrscheinlich reisten sie mit einer gemieteten Kutsche auf der Penkuner Poststraße, die sich in südwestlicher Richtung durch die flachen pommerschen Felder und die Oder-Sümpfe schlängelt. Sie passierten die verstreuten Gehöfte und Windmühlen von Finkenwalde und fuhren weiter nach Stendell, einem kleinen Dorf auf einer sanften Anhöhe. Dies ist auch der erste Ort, der erwähnt wird: „Würdigung des Talents in Stendell“, was so viel bedeutet wie Wertschätzung oder Anerkennung von Carls Talent. Möglicherweise setzten sie ihre Reise an diesem Tag weiter fort nach Penkun, durch offenes Ackerland bis zur ersten offiziellen Posthalterei, wo die Pferde gewechselt und die Reisepässe kontrolliert wurden.

Quelle: Rüdiger Lüdtke, Stendell, mit bestem Dank an die Städtischen Museen Schwedt/Oder für die Vermittlung

23. Juni: Von Penkun nach Prenzlau

Eine gemütliche, vier- bis fünfstündige Reise durch Kiefernwälder, hügeliges Ackerland und kleine Dörfer der Uckermark. In Prenzlau, einer ummauerten Stadt am Fluss Ucker, war der „Gasthof zum Schwarzen Alder“ die wichtigste Übernachtungsmöglichkeit, und dort fand eine weitere Passkontrolle für die Reise am nächsten Tag statt.

24. Juni: Von Prenzlau über Angermünde nach Berlin

Die Kutsche brach im Morgengrauen auf und folgte der langen, geraden Straße in Richtung Angermünde, vorbei an Seen und sanften Hügeln. In Angermünde gab es einen Halt im Gasthof zur Sonne, um zu essen und die Pferde zu wechseln. Am späten Nachmittag wurde die Landschaft wieder flacher, während sich die Straße den Stadttoren Berlins näherte, wo die Reisenden möglicherweise im Gasthof zum König von Portugal übernachten, einem beliebten Aufenthaltsort für Kaufleute auf dem Weg nach Süden.

25. Juni: Von Berlin nach Wittenberg

Die Reise nach Wittenberg führte über einhundert Kilometer und dauerte wahrscheinlich zwei Tage. Sie verlief durch überwiegend landwirtschaftlich geprägte Gebiete, durchzogen von Kiefernwäldern, flachen Ebenen, sanften Hügeln und mittelalterlichen Dörfern rund um Jüterbog, dann hinunter zur Elbe, wo man mit der Fähre nach Wittenberg übersetzte, um im Gasthof zum Goldenen Adler zu übernachten.

27. Juni: Von Wittenberg nach Leipzig

Eine 60 km lange Reise, die mit einer Fährüberfahrt zurück über die Elbe begann und weiter durch weite, flache Flussauen und fruchtbares Ackerland in Richtung Wald und Moorlandschaften führte, die mit kleinen Seen übersät waren, bis zur Dubener Heide. Von dort aus ging es weiter nach Leipzig, wo sanfte Hügel mit Roggen- und Gerstenfeldern, Windmühlen und Dörfern das Bild prägten. Nach sieben Stunden Reise kamen sie im „Hotel de Bavière“ an, wo es „Beef Steak Feinste“ gab. Das „Hotel de Bavière“ war ein prestigeträchtiges, mondänes Haus mit französischem Einfluss; Beef Steak war teuer und ganz und gar nicht typisch für die deutsche Küche.

Gemeinfrei

28. Juni: Leipzig nach Karlsbad

Mit einer Strecke von 170 km, die sie in den nächsten vier Tagen zurücklegen mussten, waren sie wohl früh in Richtung Süden aufgebrochen, quer durch das Leipziger Becken, mit neun Stunden Fahrt vor sich bis nach Borna, wo sich in alle Richtungen flaches Ackerland mit Roggen und Gerste erstreckte. Ab Borna stieg das Gelände sanft an, durchzogen von kleinen Eichen- und Buchenwäldern, bis nach Altenburg, das auf einem Hügel mit gepflasterten Straßen und einer Burg liegt. Nach einem Pferdewechsel und einem leichten Mittagessen ging es weiter nach Zwickau, einer wohlhabenden Bergbaustadt, wo sie die Nacht verbrachten.
Am nächsten Tag legten sie von Zwickau aus weitere 60 km in Richtung Erzgebirge zurück und begannen einen stetigen Aufstieg auf schmalen, kurvenreichen Straßen durch Kiefernwälder, vorbei an der Bergbaustadt Schneeberg und weiter stetig bergauf bis nach Eibenstock, das für seine Weberei und Spitzenherstellung bekannt ist. Ihr Übernachtungsort war die Silberbergbaustadt Johann-Georgstadt, die auf einem hohen Bergrücken nahe der böhmischen Grenze liegt. Am Morgen überquerten sie die Grenze nach Böhmen und fuhren nach Neudeck. Der Wald lichtete sich und gab den Blick frei auf das Böhmische Becken und Dörfer mit roten Ziegeldächern. Ab Neudeck wurde die Straße besser und ebener, und der Abstieg in Richtung des Tepl-Tals und des Flusses Tepl, der sich durch bewaldete Hügel schlängelt, wurde sanfter. Villen, Gasthäuser und Kurhäuser säumten nun die Straße, und dann erreichten sie Karlsbad mit seinen eleganten Gebäuden am Flussufer, den dampfenden Quellen und den Promenaden.

1. Juli – 20. Juli Karlsbad

Zwanzig Tage betrug die klassische Dauer der vollständigen Karlsbad-Kur, einer dreiwöchigen Kur, die von den Ärzten jener Zeit empfohlen wurde. Jeden Morgen vor dem Frühstück gingen die Kurgäste zum Sprudel und tranken warmes Mineralwasser in sorgfältig abgemessenen Dosen, um die Verdauung anzuregen, die Leber zu reinigen und die Darmtätigkeit zu regulieren. Anschließend folgte die als unverzichtbar angesehene Promenadenkur, bei der man langsam ging, Anstrengung vermied und einen gleichmäßigen Rhythmus beibehielt. Die Ernährung war streng geregelt: leichte Suppen, gekochtes Rindfleisch oder Hähnchen, weiches Gemüse, altbackenes Brot, möglichst wenig Fett, keine reichhaltigen Soßen und kein starker Alkohol. Wein war in Maßen erlaubt, von Bier wurde jedoch abgeraten. Karlsbad bot außerdem Mineral- und Dampfbäder, Schlammpackungen und warme Umschläge an. Dies dürfte der Tagesablauf von Carl und seinem Freund in der ersten Woche ihres Aufenthalts gewesen sein.

Von Brück & Sohn Kunstverlag Meißen, Der neue Sprudel-Brück & Sohn Kunstverlag, CC0 1.0

Geselliges Beisammensein war ein weiterer wichtiger Zeitvertreib während der Kur, was durch die nächste Inschrift „Carombolagen mit der Gräfin“ bestätigt wird. Carambolage war eine frühe Form des Billards ohne Taschen, die auf einem glatten Tisch mit drei Kugeln gespielt wurde. Es war sehr in Mode, in der „vornehmen“ Gesellschaft beliebt und wurde abends vor dem Abendessen gespielt.

Die erste Woche endete mit einer weiteren Inschrift: „Besuch des +++ Berges !!!“ Der Dreikreuzberg – auf seinem Gipfel standen drei hohe Holzkreuze, verwittert von Sonne und Wind, umgeben von einer niedrigen Steinmauer und einem kleinen Plateau, von dem aus Besucher den Blick über das gesamte Tepl-Tal, den Fluss, die Kurhäuser und die aus dem Sprudel aufsteigenden Dampfschwaden genießen konnten. Die Kreuze sollten zum Nachdenken, zur Dankbarkeit, zur Demut und zur Erneuerung anregen.

Von Brück & Sohn Kunstverlag Meißen, 01912-Karlsbad-1901-Dreikreuzberg-Brück & Sohn Kunstverlag, CC0 1.0

Für den Rest ihres Aufenthalts in Karlsbad dürfte der Tagesablauf weitgehend ähnlich gewesen sein: Es war üblich, Wasser aus anderen Quellen zu trinken – der Mühlbrunnen war eine naheliegende Wahl –, längere Spaziergänge in der Umgebung zu unternehmen und warme Bäder sowie Dampfbehandlungen zu genießen.

20. Juli – 29. Juli: Weiterfahrt nach Prag

Am 20. Juli verließen sie Karlsbad in Richtung Prag, eine Strecke von etwa 140–160 km. Die Tagesetappe richtete sich nach dem Gelände, den Tageslichtstunden und den Zwischenstopps an Poststationen zum Ausruhen oder zum Pferdewechsel; private Kutschen legten in der Regel 15–25 km pro Tag zurück. Eine schmale Straße durch bewaldete Täler führte sie nach Schlarkenwerth, wo sie die Nacht verbrachten, und anschließend weiter nach Duappau, einer mittelalterlichen Stadt inmitten sanfter Ausläufer. Als Nächstes ging es hinab ins Eger-Tal und durch offenere Agrarlandschaft zur Marktstadt Kaaden.

Am folgenden Tag waren es bequeme 12 km und ein sanfter Abstieg durch Hopfenfelder mit Blick auf den Fluss bis nach Komotau, einer Industriestadt und wichtigen Postknotenpunkt. Seit der Abreise aus Karlsbad waren nun vier Tage vergangen, und heute würden sie 20 km durch fruchtbare, von Hopfenfeldern bedeckte Ebenen bis zur Agrarstadt Saaz zurücklegen. Der nächste Halt war die elegante Barockstadt Laun, 18 km entfernt durch offene Landschaft, sanfte Hügel und zahlreiche Flussüberquerungen.

Die täglich zurückgelegte Strecke wurde länger, da das Gelände leichter zu bewältigen war; mittlerweile war es der 26. Juli, und sie durchquerten niedrige Hügel, Wälder und landwirtschaftliche Anwesen in Richtung Rakonitz, einem wichtigen Zwischenstopp auf dem Weg nach Prag. Das Gebiet, durch das sie nach Kladno reisten, war zunehmend besiedelt, mit dichter beieinander liegenden Dörfern, die vom Bergbau und der Eisenverarbeitung lebten. Am nächsten Tag befanden sie sich am Stadtrand von Prag und fuhren durch Weinberge und Obstgärten in Richtung Hostiwitz, das zwar nur 15 km von Kladno entfernt ist, aber ein beliebter Ort für eine Übernachtung vor der Einfahrt in die Stadt Prag ist.


Von Rudolf von Alt – Brückenturm auf der Kleinseite in Prag – 1843, gemeinfrei

29. Juli, und die nächste Eintragung lautet: „Ankunft in Prag, vermischte Modesten“. Von Hostiwitz aus war es eine halbtägige Reise in die Stadt, wo man durch eines der westlichen Tore eintritt und entlang schmaler Kopfsteinpflasterstraßen an hohen Barockhäusern vorbei hinabsteigt. Den Rest des Tages verbrachte man mit „vermischten Modesten“,  verschiedenen kleinen Vergnügungen und lockeren gesellschaftlichen Aktivitäten.

30. Juli – 13. August: Weiterreise und Kur in Teplitz

Am nächsten Tag reisten sie weiter nach Teplitz, wobei sie in nordwestlicher Richtung ins Erzgebirgsbecken fuhren. Teplitz galt als das zweitbeste Kurort nach Karlsbad, und das Baden in den mineralhaltigen Heilwässern war dort die von Ärzten empfohlene Kur. Dies war die klassische Kurreise jener Zeit: drei Wochen lang Reinigung und Regulierung in Karlsbad, gefolgt von einem weiteren dreiwöchigen Aufenthalt in Teplitz zur Stärkung und Erholung.

Auf der Fahrt aus Prag hinaus erstreckten sich Weinberge sowie Apfel- und Pflaumenplantagen – das fruchtbare Herz Mittelböhmens. Weiß getünchte Häuser, Kapellen und Bildstöcke säumten die Straße, während sie sich allmählich nach Nordwesten in Richtung Elbtal wand. Gegen Mittag öffnete sich die Landschaft zum weiten Elbtal; breite Wiesen und von Pappeln gesäumte Flussufer. An einer Poststation wurden die Pferde gewechselt und die Pässe kontrolliert, dann ging die Reise weiter durch die Städte Leitmeritz und Aussig, wo sich das Elbtal zwischen steilen, bewaldeten Hängen verengt, die auf beiden Seiten mit Weinbergen terrassiert sind.

Von Aussig aus verließ die Straße die Elbe und führte in einem stetigen Anstieg durch Buchen- und Kiefernwälder sowie kleine Bergbaudörfer hinauf nach Karbitz, wo sie übernachteten. Der zweite Tag begann mit einem sanften Anstieg durch den Wald in Richtung Teplitz; warme Quellen und Mineralvorkommen lassen erahnen, was uns in dem weiten, geschützten Tal erwartet. Elegante Villen mit roten Ziegeldächern, Gärten und Obstgärten – Teplitz, der „Salon Europas“.

Blick auf Teplitz, gemeinfrei

Die nächste Eintragung: „30. Juli: Ankunft in Teplitz“ – berühmt für seinen aristokratischen, kosmopolitischen und eleganten Charakter, voller Paläste, Promenaden und Gärten, mit mildem Klima, lebhaftem gesellschaftlichem Leben und wohltuenden Mineralbädern. In den folgenden zwei Wochen genossen Carl und sein Begleiter einen entspannten Alltag. Ärzte empfahlen oft Teplitz nach Karlsbad, um die Kur „abzuschließen“; die Atmosphäre in Teplitz war geprägt von dem Motto: „Gesellschaft an erster Stelle, Gesundheit an zweiter Stelle“. Die Bäder waren wichtig, doch die gesellschaftliche Saison war die eigentliche Attraktion. In Teplitz wurden Allianzen geschlossen und der Ruf aufpoliert. Späte Vormittage, lebhafte Nachmittage, Musik, Theater, Salons, Wein und aristokratischer Glanz.

Von Karl Gottfried Traugott Faber – Dr. Fischer Kunstauktionen, gemeinfrei

13. August: Abreise aus Teplitz, 15. August: Besteigung des Liliensteins

Die nächsten Tage waren keine gewöhnliche Kurbehandlung; die Besteigung des Liliensteins galt als kultiviert, abenteuerlich und als Zeichen guter Gesundheit. Der Lilienstein ragte steil 415 m über das Elbtal empor, mit schroffen Sandsteinfelsen, die von einem flachen Plateau gekrönt wurden. Am Fuße dicht bewaldet, wurden die Wege zum Gipfel immer schmaler und waren von Wurzeln durchzogen, sodass man oft sowohl Hände als auch Füße zum Klettern einsetzen musste. Es war üblich, für den Aufstieg einen Bergführer zu engagieren. Der Weg hinauf dauerte in der Regel anderthalb bis zwei Stunden und begann meist am Morgen, wenn die Temperaturen noch kühler waren. Die Aussicht vom Gipfel war außergewöhnlich klar und reichte bis nach Sachsen und Böhmen.

Von Karl Christian Köhler / Friedrich Foltz – Das Königreich Sachsen, Thüringen und Anhalt dargestellt in malerischen Original-Ansichten…. 1. Abtheilung Königreich Sachsen; Druck und Verlag von Gustav Georg Lange, Darmstadt, gemeinfrei

15. – 29. August: Weiterreise nach Colbatz

Zwei Wochen verbrachten sie mit der Reise zu ihrem Endziel in Colbatz, wobei sie eine gemächliche, landschaftlich reizvolle Route im Westen nahmen, die etwa 520 km umfasste. Über Aktivitäten auf diesem letzten Abschnitt ihrer Reise wird nichts berichtet, und sie scheinen es nicht eilig gehabt zu haben, da es schnellere Routen gibt. Von Königstein aus reisten sie nach Norden entlang des Elbtals, vorbei an den Weinbergen rund um Dresden bis nach Meißen, das für sein Porzellan bekannt ist, auf geraden Straßen durch die sächsischen Ebenen, die mit Weizen, Roggen und Gerste bedeckt waren, nach Torgau und erneut in die kirchliche Universitätsstadt Wittenberg. Anstatt denselben Weg zurück nach Berlin zu nehmen, machten sie sich in Richtung Nordwesten auf, über sandige Ebenen und durch Kiefernwälder zur befestigten Stadt Jüterbog mit ihren mittelalterlichen Toren und ihrer militärischen Prägung.

Potsdam war nach einer Woche auf Reisen ein naheliegender Ort, um sich ein, zwei Tage auszuruhen – umgeben von Seen und Kanälen der Havellandschaft, königlichen Schlössern, breiten, von Bäumen gesäumten Alleen, Jagdschlössern, Militärregimentern und Fassaden im Barock- und Rokokostil. Sie setzten ihre Reise nach Norden auf gut gepflegten Militärstraßen fort, durch die landwirtschaftlich geprägte Stadt Oranienburg und weiter nach Zendenick am Ufer der Havel.

Auf der Reise durch die Havel-Seenlandschaft, einer Kette von Seen, die durch schmale Flussarme verbunden sind und von dichten Buchen-, Birken- und Kiefernwäldern umgeben sind, bot Fürstenberg – auf einer Insel erbaut und bekannt für seine Wassermühlen und Holzflößerei – einen möglichen Rastplatz. Verlässt man die Region Brandenburg in Richtung Neustrelitz – einer von Seen und Gärten im Barockstil umgebenen Stadt –, bietet sich eine Landschaft aus sanften Gersten- und Roggenfeldern. Neubrandenburg ist von einer Ringmauer aus Backstein im gotischen Stil umgeben, mit vier monumentalen Toren und einem Stadtpanorama, das von der Marienkirche dominiert wird.

Die Straße nach Pasewalk war ein gut ausgebauter Abschnitt der Nord-Süd-Verkehrsader, die Mecklenburg mit Pommern verbindet. Das Gelände wurde wieder flacher, mit Weiden, auf denen Rinder grasen, und reetgedeckten Häusern. Bei der Annäherung an Pasewalk hätten sich die Backstein-Gotik-Türme mittelalterlicher Kirchen und das Prenzlauer Tor deutlich von der ländlichen Landschaft abgehoben. Das Tor war ein imposanter gotischer Turm aus rotem Backstein mit dekorativen Blindbögen und abgestuften Giebeln, der 1474 fertiggestellt wurde und sich 25,6 Meter über der Straße erhob. An seinem Sockel befand sich ein Spitzbogenportal, darüber drei Obergeschosse. Ein einziger Durchgang, der breit genug für Karren und Kutschen war, führte die Reisenden ins Stadtzentrum. Von hier aus waren es zwei Reisetage bis nach Gollnow, weiter auf flachen, geraden Straßen durch Kiefern- und Birkenwälder und über offene Wiesen der Oder-Niederung. Naugard wäre der wahrscheinlichste Ort für eine Übernachtung gewesen, eine weitere ummauerte Stadt mit Gasthäusern zur Unterbringung von Reisenden. In Gollnow, am Ufer der Ihna gelegen und umgeben von alten Zisterzienser-Landgütern, verbrachten sie ihre letzte Nacht vor der Ankunft in Colbatz.

29. August: Ankunft in Colbatz

Die letzte Etappe der Reise nach Colbatz war eine etwa zweistündige Fahrt durch die pommersche Landschaft, 25 km südöstlich von Stettin. Colbatz war keine Stadt, sondern eher ein Klostergutdorf – eine Ansammlung von Bauernhäusern und Gutsgebäuden, die eine ehemalige Zisterzienserabtei umgaben, die nun als staatliches Landwirtschaftsgut diente; die Bevölkerung setzte sich aus Pächtern, Gutsarbeitern und Handwerkern zusammen. Die Landschaft wurde von einer beeindruckenden gotischen Kirche dominiert, die zwischen 1210 und 1347 erbaut worden war; ihr Backsteinturm war schon von weitem über die flache Ebene hinweg zu sehen.

Von Pomerania : Geschichte und Beschreibung des Pommernlandes zur Förderung der pommerschen Vaterlandskunde. IV. bis VI Buch, gemeinfrei

 

29. August 1818 – Ankunft in Stettin

Ihre Reise hatte neun Wochen gedauert, und sie hatten über tausend Kilometer zurückgelegt.

Es war damals durchaus üblich, eine Reise durch ein Erinnerungsstück unvergesslich zu machen. Doch ein graviertes, vergoldetes Silberbecherset, angefertigt vom Silberschmiedemeister Carl Vogel, der 1818 auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand, war nichts, was sich jeder leisten konnte. Es handelte sich um einen Luxusartikel, der von jemandem verschenkt wurde, der über den Status und die Mittel verfügte, nicht nur die Kosten des Auftrags, sondern auch die Reise- und Unterbringungskosten einer solchen Reise zu tragen – und diese waren sicherlich beträchtlich.

Die Inschrift in der Mitte der Untertasse lautet: „Seinem Freunde dem Denker Bergemann zum Andenken an die Reise nach Carlsbad und Teplitz 1818“. Auf dem Löffelstiel steht die Inschrift „Der Neubrunnen und Sprudel“. Dies waren zwei der berühmtesten Quellen in Karlsbad: der Neubrunnen („Die neue Quelle“) und der Sprudel („Der Geysir“), die bekanntesten Quellen der Stadt.

Auch 208 Jahre später erinnert dieses Andenken noch immer an die Reise, die zwei Freunde gemeinsam unternommen haben.

Grüne Punkte zeigen die Route nach Carlsbad, blaue Punkte die Route zurück nach Colbatz, von Tracey Stobie

Recherchiert und verfasst von Tracey Stobie (geb. Bergemann), Ururururur-Enkelin von Carl Ludwig Bergemann.

Von Tracey Stobie