Schon vor ein paar Jahren fand Isabel von Egidy in den Unterlagen ihrer Familie eine Totenliste aus Köslin. Der Beitrag von Margret Ott Eine Liste der Toten – Köslin 1945–1947 inspirierte sie, die Liste aufzuarbeiten. Ihre Ergebnisse und einen Auszug aus einem ergreifenden Brief ihrer Urgroßmutter hat sie uns zur Verfügung gestellt. Wir danken ihr sehr für diese wertvollen Informationen.
„Als nicht mehr am Leben sind mir gemeldet worden: …“
von Isabel von Egidy
Nach einer Kösliner Totenliste hatte ich vor ein paar Jahren gesucht, als zwischen den Briefen, die ich sortiere und transkribiere, hauchdünne, eng mit Schreibmaschine beschriebene Seiten auftauchten, überschrieben mit:
„Als nicht mehr am Leben sind mir gemeldet worden:…“
(kein Verfasser, kein Datum)
Bei einer Internetrecherche mit der Frage, ob diese Liste evtl. bereits irgendwo veröffentlicht wurde, stieß ich auf die „Totenliste der Evangelischen Gemeinde Köslin/Pommern“. Ein kurzer Blick, ob die Pastoren Onnasch und Bärwaldt dort auch vertreten sind, reichte erst einmal, um anzunehmen, dass die Listen deckungsgleich sind und um sie dann abzuheften.
In ihrem Blogbeitrag vom 31.05.2026 hat Margret Ott die „Totenliste der Evangelischen Gemeinde Köslin/Pommern“ von Pastor Rudnick vorgestellt. Wie gut, dass sie dies getan hat! Nun hatte ich einen Anreiz, „meine“ Liste aus dem Ordner zu ziehen und beide Listen endlich miteinander zu vergleichen.
Die Liste „Als nicht mehr am Leben sind mir gemeldet worden: …“
Die Liste beginnt mit knapp 150 Einträgen: Beruf, (Vor-)Nachname alphabetisch sortiert, z.T. Straßenname, z.T. Jahr oder Monat und Jahr oder genaues Datum des Todes, Ort. Danach sind Namen von 25 Köslinern, „die teils auf dem Transport, teils im Gefangenenlager Biaretz im Ural gestorben sind“, und 4 Köslinern, die „im Lager zurückblieben“ sind, gelistet. Als letztes kommen 17 Namen von verstorbenen „Insassen“ des Karkutschstifts.
Bei einem Vergleich dieser Liste mit der durch Pastor Rudnick erstellten „Totenliste der evangelischen Gemeinde Köslin/Pommern“ sind ca. 10 Einträge auf beiden Listen zu finden. Sie ergänzen sich z.T. oder differieren um einige Tage im Sterbedatum.
Ca. 12 Einträge sind nicht sicher zuzuordnen; bei weiteren 5 Einträgen gibt es auf der „Totenliste“ sehr viele gleiche Nachnamen. Die „Totenliste“ nennt Einzelpersonen, die mir vorliegende Liste nennt oft „mit Ehefrau, mit Kind“ o.ä., ohne genauere Angabe ob sie zeit- und ortsgleich verstorben sind.
Auf der von mir neu vorgestellten Liste ist weder ein Verfasser noch ein Erstellungszeitraum vermerkt. Sie lag zwischen Briefen meiner Urgroßmutter und einem als „Persönlicher Brief“ betiteltem Schreiben an „Verwandte und Freunde“ von Pastor Karl Scheel, ehem. St. Marien/Köslin, dann Weingarten, Baden. Möglicherweise hat er alle Namen, die ihm in Briefen genannt wurden, gesammelt und gelistet und mit einem Rundbrief verschickt. Aus den mir vorliegenden Briefen meiner Familie ist zu ersehen, dass es in den ersten Jahren nach dem Krieg intensiv darum ging, herauszufinden, wo Verwandte, Bekannte und Kollegen verblieben sind; direkter Briefkontakt nach Köslin war nicht möglich. Da sich sehr viele Personen untereinander kannten, reichten die wenigen Angaben aus, um zu wissen, wer gemeint ist.
Abschrift – Als nicht mehr am Leben
Der Brief meiner Urgroßmutter
Dies ist gut zu sehen in folgendem Briefauszug, den meine Urgroßmutter ca. drei Monate nach ihrer Ausweisung an ihre Tochter schrieb:
„… Du mein liebes Lenchen möchtest gerne etwas von Köslin wissen u. will ich Dir auch einiges mitteilen. Leider ist es nur alles betrüblich u. traurig. Wir wurden immer in Unwissenheit gehalten. Aber unsre Memelländer u. Bockumer Einquartierung wußte Bescheid und kam noch rechtzeitig am 28.2.45 fort. Schulz u. Zi[]er verschwanden am 2.3.45. Knop, Papa u. ich waren nun die einzigen Menschen im Hause u. wie sich bald herausstellte, auch in der ganzen Straße. Wo Familie Schrader u.s.w. blieb, wissen wir nicht. Dr Gr. u. Frau sollen tot sein. Frau v.(?) Michaelis hat sich totgeschossen. Hermi u. Frau im Karkutschstift vergiftet. Das schöne Stift ist vernichtet.Verschiedene Damen sind dabei mit umgekommen und viele obdachlos geworden u. nachher auch noch heimgegangen. Kaufmann Neumann u. Frau a/ Markt (Eisengesch.) vergiftet. Zahnarzt Dr. Falk u. Familie vergiftet. G. Schrader wurde tot auf dem Wege v. seinem Haus bis Alt-Heidelberg gefunden u. auch dort beerdigt. Herr Riesle starb an den Folgen einer Mißhandlung u. d. Frl. Wilhelm auch an den Folgen aller Aufregung. Sie mußte aus ihrer netten Wohnung u.s.w. Ach, mein l. Lenchen es sind ihrer (?? ) ! Der junge Pastor Onnasch wurde erschossen ( ?.?).R. weil(??) er seine j. Frau schützen wollte (??) d. R. Er liegt in seinem Garten beerdigt Frau Dr. Strempel(??) erschossen. Pastor Vamelow(??) u. Barwald gestorben!…“
[Brief in Kurrent mit Bleistift geschrieben, nicht sicher entzifferbares mit ?? versehen]
