Statue am Eingang des Archivs

Irgendwann im letzten Sommer entstand auf einer Vorstandssitzung die Idee, man könne doch begleitete Archivreisen für die Mitglieder organisieren. Recht schnell waren Martina Riesener und ich uns einig: Wir waren schon öfter in beiden Kösliner Archiven gewesen und trauten uns die Organisation zu.

Wir begannen mit Anfragen im Staatsarchiv Köslin und im Diözesanarchiv nach der Anzahl der möglichen Benutzerplätze und wann die Archive wegen Urlaub geschlossen sind.

Im Februar 2026 stellten wir unser Vorhaben in der Greif-L vor und baten Interessenten, sich zu melden. Neben etlichen Anfragen, die aus Termin- oder anderen Gründen nicht zustande kamen, kristallisierte sich eine Truppe von 5 Personen heraus, die definitiv zusagte.

Unsere Gruppe bestand aus Isabel, Susanne, Brigitte, Wolfgang, Stefan, Martina und mir.

Eine erste Vorbesprechung und ein gegenseitiges Kennenlernen fand per Zoom Anfang März statt, ein weiterer Termin folgte dann später kurz vor der Fahrt.

Wir einigten uns bald auf ein gemeinsames Hotel, das wir schon früh reservieren konnten. Die Anmeldung und die Kommunikation mit den Archiven erledigten wir und gaben in vielen Mailwechseln Hilfestellungen bei der Suche nach entsprechenden Archivalien und generell Tipps bei den jeweiligen Forschungen.

Im Vorfeld schickten uns alle Mitforschenden ihre Archivalienwünsche für den ersten Tag, die wir an die Archive weiterleiteten. Auch konnte man die Registrierung schon vorher elektronisch erledigen.

 

Die individuelle Anreise erfolgte mit Autos, nur Brigitte kam aus Berlin mit der Bahn. Das war kostengünstig, bis zur Grenze mit Deutschlandticket, dann für 3 Euro bis Stettin und von dort mit einem Seniorenticket für 30 Złoty nach Köslin. Unser Hotel lag 400 m vom Bahnhof entfernt. Am Abend gönnten wir uns ein gemeinsames Essen im Restaurant des Hotels. Die ursprünglich gebuchten Zimmer im „Pokoje4you“ waren überbucht – so kamen nur zwei von uns dort unter, während der Rest der Truppe im direkt daneben liegenden Hotel Marton Quartier bezog. Dieses Hotel war sogar etwas besser, hatte auch Swimmingpool und Wellnessabteilung, aber dafür hatten wir keine Zeit.

20. Juli – Erster Tag im Archiv

Das Frühstück in einer Art Diner, welches zum Pokoje4you gehörte,  erwies sich als reichlich gewöhnungsbedürftig, sodass wir beschlossen, für die kommenden Tage lieber gegen einen Aufpreis im Hotel zu frühstücken, wo ein Buffet wartete.

Wir bildeten Fahrgemeinschaften zum Archiv, dort gibt es kostenfreie Parkmöglichkeiten.  Im Archiv selbst gab es leider kein WLAN mehr, dafür aber sehr freundliche Mitarbeiterinnen, von denen einige Deutsch sprachen und die anderen sich auf Englisch verständigten.

Die bestellten Archivalien warten auf die Bearbeitung

 

 

Unsere Vorarbeit erwies sich als gut, die für den ersten Tag bestellten Archivalien lagen schon bereit.  Bestellungen für den jeweils nächsten Tag mussten um 14 Uhr bei der Archivleitung im Lesesaal abgegeben werden. Das Archiv verfügt über 3 Tische mit jeweils 2 Arbeitsplätzen inkl. Mehrfachsteckern am Tisch. 2 PCs mit Internetzugang zur Archivalien-Auswahl sind vorhanden, das Archiv stellt auch ein Reprostativ zur Benutzung zur Verfügung.

Isabel hatte eine Photobox für die Produktfotografie mit, die sich auch gut für Handyphotos eignet. Eine kostengünstigere Lösung als das Scantent. Als hilfreich erwies sich auch ein Gardinenbleiband und Essstäbchen, um die Seiten beim Scannen oder Fotografieren plan zu halten. Wir hatten als Ausrüstung noch zwei Buchscanner der Firma Czur dabei, für einen auch eine selbstgebastelte Erhöhungsplatte, die auch das Scannen größerer Archivalien erlaubt. Mittags kehrten wir in einem benachbarten Café ein, dessen Kuchenvielfalt uns so beeindruckte, dass es ein tägliches Ziel wurde. Für die Zukunft: wer es bequem möchte, hätte gleich in einem der Hotels direkt am Archiv wohnen können – im eher teuren, modernen „Verde“ oder im „Hudson“. Es war ein langer Tag: Das Archiv schließt montags um 18 Uhr (an den anderen Wochentagen um 15 Uhr), und entsprechend groggy waren wir alle, als wir schließlich zum Essen ins Hotel zurückkehrten.

 

Unsere Gruppe beim Abendessen im Hotel

 

21. Juli
Stefan machte sich auf zu einer Expedition zum Ort seiner Vorfahren Wiesenthal Kreis Schlawe, über die er im Sedina-Archiv noch berichten wird. Der Rest scannte und studierte wieder fleißig. Das Archiv schloss an diesem Tag  um 15 Uhr. Ab 15:30 Uhr führten uns Joanna Chojecka mit drei weiteren Mitarbeitern ausführlich durch das vielfältige und interessante Museum in Köslin. Bei einem Eintritt von 12 Złoty pro Person bietet dieses Museum im alten, sehr prachtvollen klassizistischen Müllerhaus viele unterschiedliche Abteilungen: Wohnräume in unterschiedlichen Einrichtungsstilen, eine Ausstellung von Gemälden im Stile von Caspar David Friedrich unter dem Titel „Melancholia“, einen urgeschichtlichen Teil, ein Modell von Köslin und mit KI erstellte animierte Filme von Köslin früher aufgrund alter Bilddokumente.

Wolfgang H. O. Dorow hat sich besonders die Ausstellung „1945: Ende und Anfang – 80 Jahre polnisches Köslin“ im Museum Köslin (1945. Koniec i początek. 80 lat polskiego Koszalina, Muzeum w Koszalinie) angeschaut:

Wie bei vielen Museen üblich, werden auch im Muzeum w Koszalinie (Museum Köslin) Dauerausstellungen und zeitlich befristete Sonderausstellungen gezeigt. Wir hatten die Gelegenheit unter Führung der beiden Kuratoren Joanna Chojecka und Krzysztof Jedynak die Sonderausstellung „1945. Koniec i początek. 80 lat polskiego Koszalina” („1945: Ende und Anfang – 80 Jahre polnisches Köslin“) anzuschauen, die leider nur vom 17.05.2025-11.08.2026 zu besichtigen ist. Diese Ausstellung mit ihren vielen Exponaten und Fotos, zu denen auch oft englische oder deutsche Erläuterungen angebracht sind und Krzysztof Jedynak weitere spannende Informationen gab, fand ich besonders sehenswert.

Der Eingang zum Ausstellungsraum wird flankiert von Fotos des Kösliner Bahnhofs in der Zeit um 1945. Zu dieser Zeit war dies der Dreh- und Angelpunkt für die Deutschen aus der Region Köslin, die nun ihre Heimat verlassen mussten und Polen, die wiederum vertrieben von russischen Truppen im östlichen Landesteil, nun hier ankamen und sich ein neues Leben aufbauen mussten. In einem kleinen Vorraum wird dieser Eindruck vertieft. Danach geht es durch zwei alte Zimmertüren in den eigentlichen Ausstellungsbereich. Ein Animationsfilm, der die gesamte Geschichte Köslins zusammenfasst, ist insbesondere für jüngere Besucher ein idealer Startpunkt, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen. Ausgestellte gefundene Münzschätze sind immer Publikumsmagneten. Die Zeit um 1945 wird eindrücklich ins Bewusstsein gerückt: Original-Landkarten mit den russischen Aufmarschplänen im Raum Köslin, vollgepackte Leiterwagen mit den wenigen Habseligkeiten, die die Flüchtlinge mitnehmen konnten und Wohnungseinrichtungen aus deutscher Zeit, die von den polnischen Flüchtlingen übernommen und oft noch viele Jahrzehnte lang danach genutzt wurden, ein Trümmerhaufen mit Firmenschildern und Haushaltsgerätschaften…. Bei Krzysztof Jedynak spürt man die Begeisterung für das Thema und sein wissenschaftliches Interesse, diese Zeit frei von manipulativen Halbwahrheiten der einen oder der anderen Betroffenengruppe aufzuarbeiten.

Diese großartige Ausstellung wäre es wert, in eine Dauerausstellung überführt zu werden.

Bilder W. Dorow/ M.Ott

Isabell von Egidy beschreibt andere Aspekte des Besuchs:

Die große  Caspar David Friedrich Ausstellung war Ideengeberin für eine Ausstellung  mit Ölbildern von zeitgenössischen pommerschen Künstlern und Künstlerinnen des ausgehenden 19ten und beginnenden 20sten Jahrhunderts, „Melancholie des Wanderers“: Landschaftsgemälde, Bilder von Schiffen auf der Ostsee, Fischer, Spinnerin etc.    Einen Eindruck bekommt man bis zum Jahresende unter https://muzeumwkoszalinie.pl/wystawy-czasowe/melancholia-wedrowca/

Während der Führung kamen wir in dem Bereich des historischen Köslins  auch an einen Nachbau von Köslin innerhalb der Stadtmauern. Es ist spannend, sich an Hand der Kirche und der in dem Modell noch vorhandenen alten Stadttore zu orientieren. Auch der Verlauf der großen Straßen hat sich wie in vielen Städten über die Jahrhunderte nicht geändert, nur die Namen. Meine Mutter und ihre Eltern kommen aus Köslin, so dass mir einige Straßen bekannt sind und ich verschiedene Gebäude zuordnen kann. Darüber kam ich mit Joanna Chojecka, Krzysztof Jedynak und  Wojciech Ciesielski ins Gespräch. Dabei zeigte ich u.a. ein Foto, welches ich nicht sicher zuordnen konnte und welches 2 von ihnen spontan als Aula der ehemaligen Fürstin-Bismarck Schule, dem jetzigem Liceum Ogólnlksztalca Stanislaw Dubois erkannten, da sie selber dort zur Schule gegangen waren.  

In der Sonderausstellung „1945: Ende und Anfang – 80 Jahre polnisches Köslin“, die Wolfgang schon sehr gut beschrieben hat, bat Krzysztof Jedynak  um Lese- und Übersetzungshilfe der ausgestellten Briefe. Darüber kamen wir u.a. auf die verschiedenen Totenlisten zu sprechen, die von Pastor Scheel war ihnen nicht bekannt, davon möchte das Museum gerne eine Kopie haben. 

https://muzeumwkoszalinie.pl/wystawy-czasowe/1945-koniec-i-poczatek-80-lat-polskiego-koszalina/ 

 

 

Im Außenbereich findet sich ein aus Neuwasser Kreis Schlawe hierher versetztes Fachwerkhaus mit zeittypischer Einrichtung, eine historische Schmiede in einer Scheune aus Parpart Kreis Köslin und eine Schusterwerkstatt. Hier lagern auch wettergeschützt die erst kürzlich wiedergefundenen Teile der Statue von Friedrich Wilhelm I., die früher den Marktplatz von Köslin zierte.

Den Abend beschlossen wir mit einem typisch polnischen Essen in einem Lokal direkt am Museum – es war ausgesprochen lecker.

 

 

22. Juli

Im Diözesanarchiv

Stefan musste leider schon wieder abreisen und Wolfgang brach zu einer Expedition an den Heykasee auf, um festzustellen, ob sich noch Reste dort versunkener Orte finden ließen. Wir anderen teilten uns zwischen Staatsarchiv und Diözesanarchiv auf. Letzteres verfügt nur über zwei Benutzerplätze, Scans oder Kopien kosten dort 5 Euro pro Stück, und notfalls hilft ein Übersetzungsprogramm auf dem Handy bei der Verständigung. Kirchenbücher werden nicht mehr im Original vorgelegt, sondern die digitalisierten KB müssen am PC betrachtet werden, dazu werden CDs eingelegt Abfotografieren ist nicht erlaubt.

 

 

 

 

Am Nachmittag stand ein Besuch in Jamund an, mit dem Jamunder Hof, einem Freilichtmuseum,  das die Kultur dieses früher sehr isoliert gelegenen Fischerdorfes zeigt. Das waren zehn sehr gut angelegte Złoty. Viele historische Gebrauchsgegenstände erinnerten an die Vergangenheit. Zum Einstieg gab es einen Film über die Geschichte mit deutschen Untertiteln.

Joanna Chojecka hatte für uns auch eine Besichtigung der volkstümlich ausgestatteten  Kirche mit dem Küster organisiert. Wir verständigten uns wieder über das Übersetzungsprogramm des Handys.  Er zeigte uns auch die Reste deutscher Inschriften auf dem Orgelboden. Spontan entschieden wir uns danach zu einem Abstecher nach Groß Möllen. Einmal will man doch die Ostsee sehen! Dort reichte es nach einem heftigen Regenguss auf dem Weg nur zu einem kurzen Bummel, bevor wir wieder ins polnische Restaurant beim Museum in Köslin einkehrten.

23. Juli

Der Tag begann mit einer kleinen Panne: Martinas Autoschlüssel hatte eine leere Batterie, doch eine freundliche Werkstatt in der Nähe half unkompliziert weiter – die neue Batterie kostete 23 Zloty. Noch einmal ging es für einen ins Diözesanarchiv und  der Rest arbeitete wieder bis in den Nachmittag an den vorbestellten Archivalien, dann folgte ein langer Stadtrundgang.

Wir sahen die Plastiken von Kurt Schwerdtfeger am ehemaligen Bankgebäude in der Innenstadt, besuchten die Marienkirche, die Gertraudenkapelle, das Henkerhaus und den Park der pommerschen Herzöge. Am Plac Polonii rund um die Bibliothek war bis 1926 der Friedhof, wir suchten und fanden den Gedenkstein an diese Zeit. Eigentlich waren auch noch Reste der Stadtmauer und die Schlosskirche geplant, doch der Hunger und die müden Beine trieben uns wieder ins Restaurant am Museum, es fehlte uns nicht an Phantasie oder anderen Möglichkeiten, aber da hat es immer so gut geschmeckt. Damit ließen wir die Reise ausklingen.

Ein schöner roter Faden zog sich durch alle Tage: Jeden Abend saßen wir an der Hotelbar zusammen und tauschten gegenseitig Tipps und Hilfen aus – sowohl technischer Art als auch bei kniffligen Leseproblemen in den Archivalien.

Fazit: Die Gruppengröße war genau richtig, mehr hätten es wegen der Anzahl der Benutzerplätze nicht sein dürfen. Das Besondere war aber das Gemeinsame, man konnte sich jederzeit Lesehilfe oder Hilfe beim Ausfüllen der Bestellzettel holen. Man lernte manches im Umgang mit dem Smartphone oder bei der Benutzung der Scanmöglichkeiten.

Die Aktenauswahl war durch die eigenen Interessen bestimmt, manches scannten wir im Auftrag von Mitgliedern, die nicht teilnehmen konnten. Archivalien von allgemeinem Interesse planen wir aufzuarbeiten und dann den Mitgliedern zur Verfügung zu stellen.

Und wie das so ist, wenn man ein gemeinsames Hobby hat: Der Redestoff versiegt nie.

Martina und ich würden es jederzeit wieder machen.

Den Abschluss bildet das schöne Fazit von Brigitte, unserer ältesten Teilnehmerin:

Fünf Tage mit vielen neuen Eindrücken liegen hinter mir. Aber zuerst einmal großen Dank an Margret und Martina, die diese Reise so gut vorbereitet haben. Schon vor Reisebeginn gab es von ihnen Unterstützung mit Suchergebnissen und Hinweisen. In Köslin haben sie Hilfestellung beim Recherchieren, beim Lesen der Akten und beim Scannen gegeben. Na und nicht zu vergessen die anderen Mitreisenden. Wir waren einfach eine gute Truppe – alle sehr unterschiedlich, aber alle sehr hilfsbereit und offen für Gespräche. Es hat einfach gepasst, viel Spaß gemacht, im Archiv neue Erkenntnisse gebracht und unheimlich motiviert. Die Tage waren eine gute Mischung aus Arbeit und Vergnügen mit gutem Frühstück und leckerer Torte, mit interessanten Unternehmungen und vielen persönlichen Gesprächen. Ich bin so froh, dass ich mich für diese Tage in Köslin angemeldet hatte und habe immer ein Lächeln im Gesicht, wenn ich an die gemeinsame Zeit denke. Und noch etwas Besonderes: ich bin mit der Bahn angereist und habe bei der Hin- und Rückfahrt alle Anschlüsse (bei zum Teil 4 Minuten Umsteigezeit) erreicht.

Noch ein paar Impressionen aus dem Staatsarchiv

und  dann gab es noch

Autoren: Margret Ott, Brigitte Miericke, Wolfgang H.O. Dorow, Isabel von

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