In der Greif-Mailing-Liste wurde kürzlich ein Fall diskutiert, der für die genealogische Forschung in Pommern in einem bestimmten Zeitraum sehr relevant ist: Klaus Kurzmann berichtete von einer Sterbeurkunde aus dem Jahr 1947, in der für den Ort Hohenstein – heute Wodnica – die Bezeichnung „Kamieniec“ verwendet wird. Damit verband er eine grundlegende Frage: Trugen Orte in Hinterpommern nach 1945 zunächst provisorische polnische Namen, bevor sie ihre heute bekannten Bezeichnungen erhielten?
Mehr als eine Randfrage – denn sie kann entscheidend sein, wenn sich Spuren plötzlich zu verlieren scheinen. Deshalb sind wir dem Thema nachgegangen.
Historischer Hintergrund: Umbenennung nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderten sich in den ehemaligen deutschen Ostgebieten nicht nur die politische Zugehörigkeit, sondern auch die Ortsnamen grundlegend. In Hinterpommern verschwanden die deutschen Ortsnamen in kürzester Zeit aus Karten, Dokumenten und Alltagssprache.
Die Umbenennung war Teil der polnischen Nachkriegspolitik in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“. Zugleich bestand das praktische Bedürfnis, funktionierende administrative Strukturen in der neuen Landessprache zu schaffen – etwa für Verwaltung, Post- und Eisenbahnwesen.
Die Phase der provisorischen Ortsnamen
Unmittelbar nach Kriegsende vergaben lokale Verwaltungen häufig provisorische Namen. Diese orientierten sich teils an phonetischen Ähnlichkeiten, teils an historischen oder religiösen Bezügen – manchmal auch schlicht an Improvisation.
So wurde Stolpmünde (das spätere Ustka) von der Stadtverwaltung zunächst „Postomino“, von der Post jedoch „Nowy Słupsk“ genannt; auch „Słupi ujście“ war zeitweise in Gebrauch. Der provisorische Name Schivelbeins lautete „Świbowina“, bevor schließlich „Świdwin“ festgelegt wurde. Quisbernow im Kreis Belgard wurde zunächst in das ähnlich klingende Kwasiborzyno und später in Biernów umbenannt.
Diese Beispiele zeigen, dass in Quellen aus den Jahren 1945 bis etwa 1948 häufig unterschiedliche Benennungen für denselben Ort zu finden sind.
Die Kommission zur Festlegung der Ortsnamen
Um dieser Unsicherheit ein Ende zu bereiten, setzte die polnische Regierung 1946 die „Komisja Ustalania Nazw Miejscowości“, die Kommission zur Festlegung der Ortsnamen, ein. Ihre Aufgabe war es, die provisorischen Bezeichnungen zu prüfen und endgültige, einheitliche polnische Namen festzulegen.
Dabei griff die Kommission auf alte slawische, polnische oder kaschubische Namen zurück und wertete historische Karten, Chroniken und Dokumente aus, um möglichst ursprüngliche Namensformen zu rekonstruieren. Wo kein historischer Name vorlag, wurden Bezeichnungen neu gebildet, übersetzt oder phonetisch angepasst.
Bis Ende der 1940er-Jahre wurden auf dieser Grundlage mehrere Verordnungen zur endgültigen Festlegung der Ortsnamen erlassen (z.B. Bekanntgabe 07.05.1946, Bekanntgabe 1. Juni 1948).
Max Karl Czerny veröffentlichte 1949 und 1952 die Bände „Polnische Umbenennungen der Ortschaften jenseits der Oder-Neisse“. Hierin finden sich zum Teil die „bereits außer Gebrauch gekommenen polnischen Ortsnamen“. Hohenstein wird hier beispielsweise ausschließlich als Wodnica geführt, der Eintrag für Schivelbein enthält den Hinweis auf Świbowina genauso wie bei Quisbernow und Kwasiborzyno.
1951 veröffentlichte Stanisław Rospond das Ortsverzeichnis „Słownik Nazw Geograficznych Polski Zachodniej i Północnej“, das insgesamt 32.138 neue geographische Benennungen aufführt und als endgültig verbindlich gilt.
Hinweis für genealogische Forschung
Für die Ahnenforschung ist diese Umbruchszeit besonders heikel. Viele Familienunterlagen, Vertriebenenlisten oder frühe polnische Dokumente verwenden noch provisorische oder uneinheitliche Ortsnamen.
Wer nach Vorfahren in Hinterpommern im fraglichen Zeitraum forscht, sollte daher:
- polnische, deutsche und provisorische Ortsnamen gleichermaßen berücksichtigen,
- historische Karten und Namensverzeichnisse (z. B. frühe polnische Post- und Eisenbahnverzeichnisse oder Kartenmeister) zur Ermittlung alternativer Ortsnamen nutzen,
- alternative Schreibweisen und Namensvarianten in Suchanfragen einbeziehen.
Gerade bei Aufzeichnungen aus den Jahren 1945 bis 1948 kann das entscheidend sein, um Dokumente oder Orte korrekt zu identifizieren.
Beispiel Fahrplan 1946 der Linie Stettin – Belgard:
Czarnowas, früher Scharnhorst, heute Czarnowesy, Bialogrod, früher Belgard, heute Bialograd
Fazit
Die Umbenennung der hinterpommerschen Orte war keine bloße Formalität, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden politischen und kulturellen Wandels. Zugleich hinterließ sie Spuren, die Genealogen bis heute begleiten. Wer diese Namensgeschichte kennt, kann historische Quellen besser einordnen – und vermeintlich verlorene Spuren wieder auffinden.
Nützliche Links und Literatur
Grigori Chlesberg: Ortsnamen im Wandel, Geographische Wissensordnungen in der Geschichte deutsch-polnischer Grenzregionen, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung 21.07.2023
Max Karl Czerny: Polnische Umbenennungen der Ortschaften jenseits Oder-Neisse, Teil A: deutsch-polnisch, Frankfurt/Main 1949, Teil B: polnisch-deutsch Frankfurt/Main 1952.
Heinz Radde: Nomen est Omen. Namensänderungen pommerscher Dörfer als politische Waffe in 20. Jahrhundert, Tagungsband S. 283 ff. Dzieje wsi pomorskiej. VIII Międzynarodowa Konferencja Naukowa, Kłopotowo 2009, Deutsche Arbeitsübersetzung: Geschichte des pommerschen Dorfes. 8. Internationale wissenschaftliche Konferenz, Kłopotowo 2009 (schwerpunktmäßig Namensänderungen vor 1945)
Stanisław Rospond: Słownik Nazw Geograficznych Polski Zachodniej i Północnej, Warschau 1951
Liste der Städte in Hinterpommern auf Wikipedia
Liste deutscher Bezeichnungen polnischer Orte auf Wikipedia

