Der Genealogentag in Berlin war eine Reise wert. Aber es gibt hier so viel zu entdecken für die pommersche Familienforschung, da habe ich noch zwei Tage drangehängt.
Im Nordwesten von Berlin, im Ortsteil Weißensee, findet sich der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas. Rund 116.000 Grabstellen kann man hier entdecken, von prunkvollen Familiengruften bis zu bescheidenen und kaum noch lesbaren Steinen. Vom berühmten Rabbiner Leo Baeck über Wirtschaftsgrößen wie Hermann Tietz, von Kulturschaffenden wie Angelika Schrobsdorff oder Stefan Heym bis hin zu den ganz einfachen Menschen, der Friedhof lädt ein zu einer Zeitreise durch das jüdischen Leben Berlins und ganz Deutschlands. (mehr …)
„Gebt mir etwas Zeit“, heißt das neue Buch von Hape Kerkeling, und ich behaupte kühn, dass es unsere Ahnenforschung verändern wird.
„Geeft wat tyt“, steht am Haus des Hutmachers Cornelis Kerkeling in Amsterdam. Der deutschen Übersetzung „Gebt mir etwas Zeit“ kann man derzeit kaum aus dem Weg gehen. Im Fernsehen, in Zeitungen und Buchhandlungen – überall trifft man auf das grüne Cover mit dem historisch gewandeten Hape Kerkeling und eben diesem Motto aus dem Jahre 1667. Innerhalb weniger Wochen hat es das Buch an die Spitze der Bestsellerlisten geschafft. Und die meisten dürften es schon wissen – Hapes Vorfahren sollen im britischen Königshaus zu finden sein.
Ob ein Gentest, ominöse Briefe aus der Vergangenheit, die Erinnerungen der dementen Großmutter und der Urlaubsplan des englischen Königs wirklich als Beweise einer royalen Abstammung dienen können, lasse ich dahingestellt. Denn eigentlich ist diese Geschichte nur eine von vielen, die in dem Buch erzählt werden. Doch mit ihr lässt sich gut Werbung machen und schlecht ist sie auch nicht. Hape Kerkeling hat ja schon im Falle der niederländischen Königin bewiesen, dass er sich auf dem royalen Parkett bewegen kann. (mehr …)
Die kleine Reihe pommerscher Schauspielerinnen und Schauspieler geht weiter.
Geheimnisvoll, aristokratisch und listig fesselte mich Ellen Schwiers im Frühjahr 1973 drei Abende lang vor dem Fernseher, bis das Drama um den „Roten Schal“ endlich gelöst war. Meine erste bewusste Begegnung mit der Schauspielerin, die damals bereits über 20 Jahre erfolgreich war. Hätte ich gewusst, dass meine Großmutter und Ellens Mutter nur ein paar Kilometer voneinander entfernt zur gleichen Zeit im Landkreis Schivelbein aufgewachsen sind, ich wäre noch hingerissener gewesen.
Hinterpommern war im Sommer 1881 im gesamten deutschen Kaiserreich in aller Munde. Man sprach vom „pommerschen Bürgerkrieg“. Eine Geschichte, die fast vergessen ist.
Im Juli und August 1881 kam es in Städten und Dörfern rund um Neustettin zu schweren antijüdischen Ausschreitungen. Konkreter Auslöser für die Gewalt war der Brand der Synagoge in Neustettin. Die „Schivelbeiner Excesse“ am 7. August 1881 waren die wohl schwerwiegendsten Krawalle des Sommers. Stundenlang zogen hunderte von Randalierern durch die Stadt, zerstörten und plünderten jüdische Geschäfte und Wohnhäuser. Besonders hart traf es die Spirituosenhandlung von Heymann Jacobus.
Polizei und der Bürgermeister konnten gegen die Gewalt der Masse nichts ausrichten. Erst der Kriegerverein bekam die Lage wieder unter Kontrolle. 22 Schivelbeiner Bürgerinnen und Bürger wurden später in einem reichsweit beachteten Prozess zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Endlich ist er da, der Sommer und vielleicht hat der eine oder die andere eine Reise nach Hinterpommern geplant. Neben dem Besuch von Archiven, Kirchen und Friedhöfen bleibt dann hoffentlich noch genügend Zeit, die vielen schönen Ecken der heutigen Woiwodschaft Westpommern zu erkunden. Äußerst hilfreich ist hierbei ein guter Reiseführer. Für alle Reisefreudigen hier eine aktuelle Auswahl.
Stettin Swinemünde & Insel Wollin Via Reise,192 Seiten, davon knapp 50 ausschließlich für Stettin, 5. Auflage 2023, 16,95 €
Für Stettin gibt es derzeit nur einen einzigen Reiseführer, der auch noch Swinemünde und die Insel Wollin abdeckt. Wer einen Ausflug (nur) nach Stettin unternehmen möchte, der macht mit diesem Reiseführer sicherlich nichts falsch. Übersichtlich und mit diversen Tipps auch abseits der Touristenrouten, bekommt man hier Lust, nicht nur Stettin selber, sondern auch die Umgebung zu erkunden.
Mein Fazit: schon weil’s der einzige ist, aber auch wegen des Informationsgehalts zu empfehlen. (mehr …)
Bei der Ahnenforschung sind in erster Linie unsere Augen gefordert – Kirchenbücher, genealogische Zeitschriften, Geschichtswälzer, historische Sendungen im Fernsehen und ganz besonders der Computer sind in allererster Linie visuelle Medien. Viele von uns sind in einer Zeit aufgewachsen, in der auch das Radio eine große Rolle spielte. Ich kann mich gut erinnern an vergnügliche Nachmittage mit Hans Rosenthal und „Allein gegen Alle“, meine Leidenschaft für ferne Länder wurde Sonntag morgens im NDR „Zwischen Hamburg und Haiti“ geweckt und „Neues aus Waldhagen“ machte mir den Schulfunk schmackhaft. (mehr …)
In der Kirche von Klötzin drängen sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes und des angrenzenden Ritterguts Dolgenow. Die schönste Fachwerkkirche des Kreises Schivelbein soll sie sein, in jedem Fall ist sie aber die zweitälteste. Seit 1588 kommen hier die Gläubigen zusammen.
Die Kirche in Klötzin, mit bestem Dank an Dieter Schimmelpfennig
Jetzt mitten in der Erntezeit ist der Sonntagsgottesdienst für viele eine willkommene Abwechslung von der anstrengenden Feldarbeit. Die Predigt ist beendet und das Abendmahl hat begonnen. Der Pfarrer gießt den Wein in den Abendmahlskelch, eine Person nach der anderen trinkt davon. Der Wein schmeckt sonderbar, das fällt dem einen oder der anderen auf. Aber das Abendmahl ist ein Sakrament, heilig, das Blut Christi gereicht vom Pfarrer, da traut sich niemand, die Flüssigkeit im Kelch in Frage zu stellen.
25 Personen haben getrunken, als die erste Frau nach draußen eilt und sich übergeben muss. Auch den anderen wird schlecht, Entsetzen breitet sich aus, die Menschen rufen „Wir sind alle vergiftet!“. 12 Kilometer sind es bis Schivelbein, bis zum nächsten Arzt. Der Schivelbeiner Kreisphysikus Dr. August Mau persönlich eilt nach Klötzin. Bald kann er Entwarnung geben – es wird zwar etwas dauern, doch alle Kranken werden es überstehen. Fast ein kleines Wunder, denn im Kelch befand sich neben Wein auch „Eau des Javelle“ – Fleckenwasser.
Anzeigen für Fleckenwasser
Was war nur passiert? Wie war die giftige Substanz in den Kelch gelangt? Ein gemeines Attentat oder gar ein Werk des Teufels? Schon wenige Tage später ist der Fall gelöst – dem Wirtschaftsfräulein des Pfarrers war ein folgenschwerer Fehler unterlaufen, ganz ohne böse Absicht. Neben einer vollen Flasche Wein hatte sie dem Pfarrer auch eine angebrochene mitgegeben – in der eben jenes Fleckenwasser aufbewahrt wurde. Glück im Unglück für alle – nicht nur war der Abendmahlskelch zu mehr als der Hälfte mit echtem Wein gefüllt worden, auch bestand das Eau de Javelle zum größten Teil aus Pottasche und nur sehr wenig Chlor. Was aus dem unglücklichen Wirtschaftsfräulein wurde, ist nicht bekannt. Hingegen schaffte es der „bedauernswerte Unfall“ von Klötzin in Zeitungen im gesamten deutschen Reich.
Das diesjährige Sonderheft des Sedina-Archivs „Gebietsunterkunftsverzeichnis Pommern 1939“ enthält eine verloren geglaubte und sehr aufschlussreiche Quelle für die Familien- und Ortsforschung. Aufgelistet werden alle Hotels, Gasthöfe, Pensionen und Zimmervermietungen in Pommern sowie deren Betreiber.
Einige Unterkünfte sind in der Liste nicht mehr vorhanden – die Herbergen jüdischer Betreiber. 1939 war die sogenannte „Arisierung“ jüdischer Unternehmen schon so weit vorangeschritten, dass es keine entsprechenden Betriebe mehr gab. Und auch jüdische Gäste waren 1939 nicht mehr vorhanden.
In Pommern tat sich Zinnowitz auf Usedom besonders hervor. „Laut Prospekt war es stets das Bestreben der Kurverwaltung, das Bad von semitischen Kurgästen freizuhalten“, schrieb die Central-Verein-Zeitung am 29.03.1929. „Fern bleibt der Itz von Zinnowitz“ polterte das „Zinnowitzlied“, das man in den Zwanziger Jahren auf Postkarten verschicken konnte. Henkenhagen warb in Zeitungsanzeigen gar damit, dass sein Badestrand „stein- und judenfrei“ sei.
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