Vineta und der Ostermorgen

Als Sonntagskind soll man Vineta erlösen können – zumindest der Sage nach. Alle hundert Jahre taucht die versunkene Stadt am Ostermorgen aus den Tiefen des Meeres auf, und wer dann zur rechten Zeit am rechten Ort ist, dem ist diese besondere Aufgabe bestimmt.

In der Sammlung der Usedom-Wolliner Sagen von Prof. Alfred Haas findet sich auch eine Version der Vineta-Sage. Über den Ostermorgen heißt es dort:

„Die silbernen Glocken der Stadt kann man noch jeden Abend, wenn kein Sturm auf der See ist, hören, wie sie tief unter den Wellen die Vesper läuten. Und am Ostermorgen – denn vom stillen Freitage bis zum Ostermorgen soll der Untergang von Vineta gedauert haben – kann man die ganze Stadt sehen, wie sie früher gewesen ist; sie steigt dann, als ein warnendes Schattenbild, zur Strafe für ihre Abgötterei und Üppigkeit, mit allen ihren Häusern, Kirchen, Toren, Brücken und Trümmern aus dem Wasser hervor, und man sieht sie deutlich über den Wellen.“

Vineta ist heute weit mehr als eine alte Legende: Als zentraler Teil der kulturellen Identität Vorpommerns zieht die Sage alljährlich Besucher aus nah und fern an. Die Vineta-Festspiele in Zinnowitz bringen den Stoff lebendig auf die Bühne, das Vineta-Glockenspiel in Koserow lässt die sagenumwobenen Klänge erklingen, und die Vinetastadt Barth bewahrt mit ihrem Vineta-Museum die Geschichte und die Mythen rund um die versunkene Stadt für kommende Generationen.

von Gemini erzeugt Illustration
 Wilhelm Müller (1794–1827), (in seinem Zyklus Muscheln von der Insel Rügen (1825) 
 hat diese Gedicht über Vineta verfasst:

Vineta

Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
Klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen alten Wunderstadt.

In der Fluthen Schooß hinabgesunken,
Blieben unten ihre Trümmer stehn.
Ihre Zinnen lassen goldne Funken
Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.

Und der Schiffer, der den Zauberschimmer
Einmal sah im hellen Abendroth,
Nach derselben Stelle schifft er immer,
Ob auch rings umher die Klippe droht.

Aus des Herzens tiefem, tiefem Grunde
Klingt es mir, wie Glocken, dumpf und matt.
Ach, sie geben wunderbare Kunde
Von der Liebe, die geliebt es hat.

Eine schöne Welt ist da versunken,
Ihre Trümmer blieben unten stehn,
Lassen sich als goldne Himmelsfunken
Oft im Spiegel meiner Träume sehn.

Und dann möcht‘ ich tauchen in die Tiefen,
Mich versenken in den Wiederschein,
Und mir ist, als ob mich Engel riefen
In die alte Wunderstadt herein.

Mehr zu Vineta: https://www.pommerscher-greif.de/vineta/

Prof. Jürgen Udolph mit namenkundlichen Überlegungen zu Vineta

„Stein- und judenfreier Badestrand“

Zum Bäder-Antisemitismus in Pommern

Das diesjährige Sonderheft des Sedina-Archivs „Gebietsunterkunftsverzeichnis Pommern 1939“ enthält eine verloren geglaubte und sehr aufschlussreiche Quelle für die Familien- und Ortsforschung. Aufgelistet werden alle Hotels, Gasthöfe, Pensionen und Zimmervermietungen in Pommern sowie deren Betreiber. 

Einige Unterkünfte sind in der Liste nicht mehr vorhanden – die Herbergen jüdischer Betreiber. 1939 war die sogenannte „Arisierung“ jüdischer Unternehmen schon so weit vorangeschritten, dass es keine entsprechenden Betriebe mehr gab. Und auch jüdische Gäste waren 1939 nicht mehr vorhanden.

Der Antisemitismus im Tourismus und speziell in den deutschen Seebädern war jedoch deutlich vor 1939 entstanden. Seit 1910 veröffentlichte die jüdische „Central-Verein-Zeitung“ eine Liste von Kurorten und Gasthäusern, „deren Besuch unseren Freunden nicht empfohlen werden kann“.

In Pommern tat sich Zinnowitz auf Usedom besonders hervor. „Laut Prospekt war es stets das Bestreben der Kurverwaltung, das Bad von semitischen Kurgästen freizuhalten“, schrieb die Central-Verein-Zeitung am 29.03.1929. „Fern bleibt der Itz von Zinnowitz“ polterte das „Zinnowitzlied“, das man in den Zwanziger Jahren auf Postkarten verschicken konnte. Henkenhagen warb in Zeitungsanzeigen gar damit, dass sein Badestrand „stein- und judenfrei“ sei.

(mehr …)

Reise durch Pommern (2) – Zinnowitz auf Usedom im Jahr 1855

Fremdenliste für die Badeanstalt in Zinnowitz im Jahre 1855

Von den 140 Badegästen, die Zinnowitz 1855 zählte, stammen 60 aus Wolgast, die Mehrzahl aus Vorpommern. … Daß keine Berliner darunter sind, erklärt sich aus den damaligen Verkehrsverhältnissen, die für Swinemünde, Heringsdorf und Misdroy viel günstiger lagen. Leider sind alte Badelisten äußerst selten.

(mehr …)

Wilhelm Franz August Gerbrecht – Versuch einer Annäherung

Ein Gastbeitrag von Peter Gerbrecht

Erstmals verzeichnet das Adreß- und Geschäfts-Handbuch für Stettin den Familiennamen Gerbrecht in seiner Ausgabe von 1879 (S.48):

Der Eintrag nennt genau jenen „Pantoffelmacher“ Carl Gerbrecht mit Wohnsitz in der Apfel-Allee 1c, der später in der Heiratsurkunde von Wilhelm Franz August Ger­brecht als dessen Vater und mit der Berufsbezeichnung „Tischler“ angegeben ist. Am 18. Juli 1891, dem Tage der Eheschließung seines Sohnes, war Carl Fried­rich Ferdinand Gerbrecht allerdings auch schon seit acht Jahren Witwer. Die verstorbene Ehefrau und Mutter Ida Marie Friederike, Tochter des Holzpantoffel­machers Johann Brandt, war bereits am 16. Juni 1883 im Alter von nur 45 Jahren zu Tode gekommen.

(mehr …)